Wolfgang Müller schreibt packende und witzige Storys über das Meer, seine Bewohner und Menschen, welche sich drauf tummeln.
Wolfgang Müller schreibt packende und witzige Storys über das Meer, seine Bewohner und Menschen, welche sich drauf tummeln.

Leseprobe Kollisionskurs Inklusive

 

 

                   Für Uschi, Elke und Michael,

                               meine Testleser

 

 

 

 

 

                        Geld macht nicht korrupt,

                          kein Geld schon eher.

 

                               Deutsches Sprichwort

             

 

 

                                          Ähnlichkeiten mit

                                        lebenden Personen,

                               Institutionen oder Schauplätzen

                                          sind rein zufällig.

                                              Sollte sich,

                     obwohl es wie gesagt nicht beabsichtigt war,

                                     jemand wiedererkennen,

                          so hat er sich das selbst zuzuschreiben.

 

 

 

 

 

 

Prolog

 

                        Hotel Interconti, Genua

 

»Ich habe einen Termin mit Herrn Dr. Dr. Bellmeyer.«

»Sehr wohl der Herr, wen darf ich melden?«, fragte der Empfangschef der Genueser Luxusherberge.

»Josef Schmid, mein Name.«

Der unscheinbare, mit einem eleganten Anzug sowie einem augenscheinlich teueren Mantel bekleidete Herr, zauberte diskret einhundert Euro unter das Anmeldeformular und schob es dem Empfangschef entgegen.

Schmidt legte Wert auf gute Kontakte zum leitenden Hotelpersonal.

Der Rezeptionist nahm den Hörer ab, sprach kurz ein paar Worte und nickte Schmidt dann freundlich zu: »Herr Dr. Dr. Bellmeyer erwartet Sie in zehn Minuten - Suite 602 - die Aufzüge befinden sich dort drüben links.«

 

Oben in seiner Suite suchte Cornelius Bellmeyer hektisch, diverse, im Zimmer verstreut liegenden Kleidungsstücke zusammen und zog sich an.

»Larissa Schatz, gleich kommt ein wichtiger Kunde. Würde es dir etwas ausmachen, dich im Nebenzimmer anzuziehen, ich habe den Termin mit diesem Schmidt total verschwitzt.«

 

Larissa Belmonte schlenderte betont langsam, nur mit einem winzigen, schwarzen Slip bekleidet auf Cornelius zu.

»Und wenn nicht, mein Hasi?«, gurrte sie provozierend, mit betörend, rauchiger Stimme. Dicht vor ihrem derzeitigen Geliebten blieb sie stehen und rieb aufreizend ihre harten Brustwarzen an seinem, mehr als deutlich über den Gürtel quellenden Bauch.

 

»Bitte Larissa Schatz, es ist wichtig. Danach hast du mich eine ganze Woche nur für dich allein. Also sei so nett - warte nebenan. Der Kunde muss ja nicht wissen, dass du hier bist. Bitte zieh dir vorher etwas über, du weist, nebenan wartet Bosco.«

 

Bosco hieß mit vollem Namen Bosco Strozzi und fungierte als sein Leibwächter. Er arbeitete seit zwei Jahren für den deutschen Politiker.

Damals hatte eine militante, siebzigjährige Tierschützerin sich die Kleider vom Leib gerissen, ihren runzligen Körper mit Schweineblut übergossen, sich dann auf ihn geworfen, ihn zu Boden gerissen und ihm Schweinemist in Haare und Gesicht geschmiert.

Dieser Vorfall, der drei Tage lang die Medien beherrschte, brachte Cornelius so sehr aus dem Gleichgewicht, dass sein Psychoanalytiker ihm eindringlich zu einem Ressortwechsel und einem Leibwächter geraten hatte.

Die nackte, blutbesudelte Oma, verfolgte ihn bis heute in außerordentlich plastischen Alpträumen. Der Geruch von Schweinemist, aber auch von sonstigen tierischen Exkrementen, ließ fortan fiese rote Pusteln in Bellmeyers Gesicht entstehen. Aus diesem Grund hatte er im letzten Jahr auch die Einweihung eines Schweinemastbetriebes im heimatlichen Wahlkreis absagen müssen. Vor sechs Monaten wurde er als Landwirtschaftsminister aus gesundheitlichen Gründen abgelöst und auf Grund seiner, angeblich herausragenden Kompetenz, zum Verteidigungsminister ernannt.

 

Vom Krieg verstand Bellmeyer genau so wenig, wie vorher von der Landwirtschaft. Das spielte aber keine Rolle, wie er vor Jahren, als er sich für die politische Laufbahn entschied, feststellen durfte.

Nach einem abgebrochenen Studium der Geographie auf Lehramt, verlegte er sich aufs Taxi fahren. Nebenher engagierte er sich bei den Grünen. Die Partei passte am Besten zu seiner damaligen, leicht ökologisch gefärbten Weltanschauung. In der Partei entdeckte man schnell sein Talent, Worthülsen überzeugend abzusondern. Die Parteiführung schickte ihn auf diverse Fortbildungslehrgänge, um die rhetorischen Fähigkeiten ihres vielversprechenden neuen Mitglieds weiter zu verfeinern. Mit dem Farbdrucker gefälschte Schul-und Universitätsabschlüsse, sowie  zwei gekaufte Doktortitel dubioser, ausländischer Bildungsinstitute halfen bei einem bilderbuchartigen Aufstieg. Mittels der ihm zugeschanzten Ämter schoss auch sein Einkommen in komfortable Höhen. Cornelius schuf sich über die Jahre ein trautes Heim, Familie, Auto und Urlaub in fernen Ländern.

Plötzlich war er Teil des Systems, nicht mehr nur taxifahrender Studienabbrecher ohne Anstellung und mit nix auf der Tasche. Es fühlte sich gut an, dazuzugehören, auf Partys eingeladen zu werden und mit einflussreichen Leuten über flache Witze zu lachen. Man respektierte ihn. Der erste Ministerposten ließ nicht lange auf sich warten. Er lernte, dass man, auch ohne von irgendetwas eine Ahnung zu haben, alles erreichen konnte, wenn man nur in der Lage war, sich gut zu verkaufen. Und das konnte Cornelius.

Irgendwann, es war eher ein schleichender Prozess, glaubte er wirklich, seine Stellung auf Grund überragender Kompetenz verdient zu haben.

Dass das Erreichen der Position des Landwirtschaftsministers nicht nur sein Verdienst war, bemerkte er, als eines Tages ein Lobbyist, nennen wir ihn der Einfachheit halber Fritz oder Franz oder so, vorbeischaute. 

Dieser bat ihn höflich, aber bestimmt, eine Gesetzesvorlage zu verhindern, welche einem großen Düngemittelhersteller Umsatzeinbußen beschert und den Bürgern des Landes das Leben um ein paar Jahre verlängert hätte.

Als er, sich dem letzten Rest Verantwortungsgefühl beugend weigerte, klingelte kurz darauf sein Telefon. Eine Stimme machte ihm unmissverständlich deutlich, wer dafür gesorgt hatte, dass er da war, wo er war. Dass ein Minister über diverse Kleinigkeiten stolpern könne und dass ein Leben ohne Geld und Einfluss recht mühsam sein konnte.

 

Cornelius entschied sich damals, wie so viele andere auch, für den bequemeren Weg. Zu wichtig war ihm der erreichte Status, sowie der ihm, seiner Meinung nach, zustehende Platz in der Gesellschaft. Dafür hatte er hart gearbeitet - also seiner Meinung nach.

Jetzt, als Verteidigungsminister, vertrat Cornelius mehr denn je die Überzeugung, der richtige Mann auf dem richtigen Posten zu sein. Dafür sprach sicherlich auch, das ihm entgegengebrachte Vertrauen der Parteispitze.     

  

Nachdem sich Larissa ins Nebenzimmer zurückgezogen hatte, klopfte es an der Tür.

»Ja Bitte! - Ah Herr Schmidt, schön Sie zu sehen!«

 

»Die Freude ist ganz auf meiner Seite Herr Minister!«

 

»Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«

 

»Nur ein Wasser bitte, der Arzt hat mir Alkohol strengstens verboten.«

 

»Oh, das tut mir leid.«

 

»Aber deshalb sollen Sie ja nicht darben, Herr Doktor, Doktor Bellmeyer. Ich habe mir erlaubt, Ihnen eine Kleinigkeit mitzubringen.«

Mit diesen einschmeichelnden Worten stellte er einen, in Geschenkpapier verpackten Karton auf den Tisch. Das dezente Etikett an der Schleife verriet einen exklusiven Shoppingtempel als Herkunftsnachweis des hochpreisigen Mitbringsels.

Nach ein wenig Small Talk kam Schmidt, der mit wirklichem Namen natürlich anders hieß, auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen.

»Sind Sie in der leidigen Angelegenheit, die Ausfuhrpapiere für die landwirtschaftlichen Maschinen betreffend, schon weiter gekommen?«

  

»Tja, die Sache ist etwas delikat. Ihnen dürfte bekannt sein, dass das dort angegebene Empfängerland als Risikogebiet für die Ausfuhr von Kriegswaffen eingestuft ist.«

 

»Kriegswaffen? Was für ein hässliches Wort, landwirtschaftliches Gerät klingt doch wesentlich humaner, finden Sie nicht? Entwicklungshilfe zur Selbsthilfe, wie man so schön sagt. «

 

»Aber Herr Schmidt, wir wissen doch beide, was hier gespielt wird. Verkaufen Sie mich jetzt bitte nicht für dumm.«

 

»Nichts läge mir ferner Herr Doktor Bellmeyer. Sind Sie sich dessen bewusst, dass an dem Deal, außer der deutschen Firma Moselblech, nebst zahlreichen Zulieferbetrieben, auch ein ganzes Konsortium einflussreicher Hersteller aus den USA und Frankreich beteiligt ist. Wenn die Komponenten der Firma Moselblech nicht in einem Monat per Schiff in Dubai eintreffen, können die - äh - landwirtschaftlichen Geräte weder montiert, noch zum Einsatz gebracht werden! - Herr Minister, davon hängen Menschenleben ab!«

 

»Jetzt verdrehen Sie aber die Tatsachen. Die Geräte sollen doch über Umwege an jene Kriegsparteien geliefert werden, welche wir angeblich in Syrien bekämpfen. Erklären Sie mir doch mal bitte den tieferen Sinn hinter dieser Fluchtursachenbekämpfung, Herr Schmidt.« 

 

»So kommen wir glaube ich nicht weiter, Herr Bellmeyer. Sie scheinen vergessen zu haben, wer Sie in den Sessel gehoben hat, in dem Sie jetzt sitzen. - Sie planen eine Kreuzfahrt? - Mit Ihrer Gemahlin, wie ich annehme. Ich könnte mir vorstellen, dass Ihre Frau sich über ein wenig Reiseliteratur wie diese hier, freuen würde.« Mit den Worten drapierte Schmidt ein paar kompromittierende Fotos auf den Tisch.«

 

Die großformatigen Bilder zeigten, in hochaufgelöster Offenheit, Cornelius ausschweifendes Schlafzimmerleben mit Larissa Belmonte. Und das, aus allen erdenklichen Perspektiven.

 

»Woher haben Sie --- !!?«

 

»Wir haben unsere Quellen Herr Bellmeyer.«

 

Die Unterschlagung seines akademischen Titels signalisierte Cornelius, dass ab sofort ein anderer Ton herrschte.

 

»Wir erwarten, dass die Exporterlaubnis bis morgen Abend auf unserem Schreibtisch liegt«, sagte Schmidt im Befehlston, bevor er mit leiser, aber bedrohlicher Stimme fortfuhr: »Bellmeyer, - da steckt ein Finger in Ihrem Arsch, - und wenn der sich krümmt, - dann nicken Sie, - ob Sie wollen oder nicht. Dieser Finger hat Sie in den Sessel gehoben, in dem Sie momentan sitzen, - und das hat der nicht aus reiner Nächstenliebe getan. Ist das so weit bei Ihnen angekommen?«

 

Dem Verteidigungsminister wurde schlagartig klar, dass er seine Seele dem Teufel verkauft hatte. Die Gutmenschallüren konnte er sich für den Wahlkampf aufheben. Hinter diesem Schmidt standen Leute, die in der Lage waren, ihm sein Leben von heute auf morgen zu nehmen, und das nicht nur im bildlichen Sinn.

 

»Sie können sich auf mich verlassen Herr Schmidt«, presste er zähneknirschend hervor.

 

»Sehen Sie, es geht doch. Betrachten Sie Ihre Kreuzfahrt als bezahlt Herr Doktor Doktor Bellmeyer. Wir haben uns erlaubt, Sie nebst Frau Belmonte auf die beste Suite umzubuchen, die auf dem Schiff zu bekommen war. Ich wünsche Ihnen eine vergnügliche Reise. Grüße an die Frau Gemahlin und die Kinder.« Schmidt hob bei der Erwähnung der Kinder warnend die Brauen, bevor er die Suite verließ.

 

Commissario Rossi und Sergante Frattini mäanderten durch den mittäglichen Stoßverkehr Genuas. Auf den zerschlissenen, schwarzen Plastiksitzen ihres zivilen Alfa Romeo klebend, genossen sie den Duft der pulsierenden Metropole am Mittelmeer.

 

»Frattini, kurbel bitte das Fenster hoch. - Ich weiß nicht, was schlimmer ist, diese fürchterliche Hitze oder der Mief der Straße.«

 

»Rossi, bitte melden!«, quäkte blechern die Stimme der hübschen Rosalia aus dem Funkgerät.

»Hier Rossi, was hast du auf dem Herzen?«

 

»Würdet ihr bitte im Interconti vorbeischauen, dort soll ein Koffer gestohlen worden sein!«

 

Rossi war mit seinen 40 Dienstjahren der Vorgesetzte des jungen Kollegen Frattini, der erst seit einem Jahr in der Abteilung für Raubdelikte arbeitete. Die beiden kamen gut miteinander aus. Rossi hatte vorher der Mordkommission angehört, sich aber nach 35 Dienstjahren versetzen lassen.

Zu der Zeit fühlte er sich nicht mehr in der Lage, die schrecklichen Bilder von zerstückelten Leichen, toten Kindern und Ähnlichem, abends im Büro zu lassen. Sie hatten ihn immer öfter bis in seine Träume verfolgt. Irgendwie hatte Rossi das Gefühl, dass das nicht gut für ihn war. Jetzt wollte er es, die letzten paar Jahre bis zur Pensionierung, ruhiger angehen lassen. Dass er in der Abteilung für Raubdelikte unterfordert war, störte ihn nicht im Geringsten. Nach dem Tod seiner Frau, vor zwei Jahren, war jeglicher Ehrgeiz von ihm gewichen. Er machte seinen Job und mehr nicht. Das reichte ihm vollkommen.

 

»Ruf jemanden aus der Trachtengruppe, wir haben jetzt noch einen Überfall auf `nen Kiosk zu bearbeiten!«

 

»Negativ, im Moment ist niemand verfügbar. Die sind alle am Fußballstadion, beim Spiel Madrid gegen Bayern. Dort ist der Teufel los.«

 

»Da wäre ich jetzt auch lieber, allerdings auf der Tribühne und mit `nem Becher Gerstensaft in der Hand. Also gut, wir übernehmen  -  sind sowieso gerade in der Nähe.«

 

Nach fünfzehn Minuten betraten die beiden Polizisten die Hotellobby. Der Portier hatte die Polizei nur ungern im Hause, deshalb ließ er die Ermittler direkt zum mutmaßlichen Tatort auf Zimmer 622 bringen.

 

 

Das Telefon in der Suite des Verteidigungsministers klingelte erneut.

»Kann man hier nicht mal in Ruhe sein Mittagessen genießen!«, polterte Bellmeyer los. Er war noch immer ausgesprochen sauer auf diesen aufgeblasenen Lobbyisten Schmidt.

 

»Bellmeyer?!«, brüllte er in den Hörer.

»Hier ist die Rezeption, entschuldigen Sie die Störung Herr Doktor Doktor Bellmeyer. Ein Monsieur Maxime Dubois wünscht, Sie zu sprechen.«

»Oh! Ja, selbstverständlich. Sagen Sie ihm, er möchte bitte heraufkommen.»

 

»Wer ist denn da, Mausi?«

 

»Eine Überraschung, mein Schatz. Deshalb must du auch jetzt für eine Stunde shoppen gehen, sonst würdest du zu früh sehen, was ich für dich habe machen lassen. Ich werde es dir auf unserer Kreuzfahrt geben.«

 

»Oh! Da bin ich aber gespannt!«

Hier hast du meine Karte Liebling, geh und kauf dir was Schönes.«

 

»Gerne, mein Hasi! Jetzt hast du mich wirklich neugierig gemacht!«, schnurrte Larissa und verließ die Suite, während sich der stark übergewichtige Verteidigungsminister, vermutlich zum Ärger seines Hausarztes, wieder über das fettige T-Bone Steak hermachte.

 

Ein paar Minuten später klopfte es an der Zimmertür.

»Herbein!«, rief er mit vollem Munde.

 

Obwohl dieser Besucher ein lang ersehntes Geschenk für Larissa angefertigt hatte, durfte er ruhig spüren, wer hier das Sagen hatte.

 

»Kommen Sie herein Dubois! Ich darf doch zu Ende essen, während wir uns unterhalten? Es wäre schade um das schöne Stück Fleisch. - Na los, dann zeigen Sie doch mal, was Sie mir mitgebracht haben!«

 

»Oui Monsier! Isch `abe `ir in Kofer! Ist wirklisch três magnifik gewordä! Meinä Meisterwerkä!«

 

Dubois, dem man den durchgeknallten Künstler auf den ersten Blick ansah, wuchtete einen roten Rollkoffer auf den, ihm nicht angebotenen Stuhl. Theatralisch lies er die Verschlüsse aufschnappen. Dann öffnete er in einer schwungvollen Bewegung den Deckel.

 

»Voilà!«, strahlte, der mit einem bunten, großblumig gemusterten Sakko bekleidete Künstler seinen Kunden an. 

 

Cornelius starrte entgeistert auf den geöffneten Koffer, während Maxime ihn noch immer erwartungsvoll anblickte.

 

»Ist das nischt magnifik?«

 

Dann, als Bellmeyer nicht reagierte, blickte auch der Franzose auf den Koffer herab und erstarrte bei dem Anblick diverser weiblicher Reisebekleidung.

»Oh no!!! Was hat da passierä?! Kofär mus geworde sein échanger, oder wie Sie sagän würdä, värtauscht, an Fliegehafän! Grande désastre!«

 

»Sie wollen mit Ihrem Kauderwelsch doch wohl nicht andeuten, dass irgend so eine dahergelaufene Tussi, jetzt mit dem Geschenk für meine Freundin durch die Gegend rennt?!!«, schrie Cornelius aufgebracht und warf erbost, sein Steakbesteck klirrend auf den Teller.

Dubois stand hilflos wie ein Schuljunge vor dem Schreibtisch des Politikers.

»Isch fürchte, so es ist Monsieur. Es tut mir unändlisch leid, das Alläs. Isch abär jetztä kann auch nischt änderän.«

 

Cornelius lief rot an. Blasebalgartig pumpte er Luft in seine Lungen, bevor er beide Fäuste mit der Kraft eines Dampfhammers auf die Tischplatte krachen ließ.

 

»SIE SIND WOHL VON ALLEN GUTEN GEISTER VERLASSEN! - KANNÄ ISCHÄ NISCHTÄ ÄNDÄRÄN!!!«

 

Unglücklicherweise erwischte die Rechte seiner beiden niedersausenden Fäuste, die Spitze des Steakmessers, welche ein paar Zentimeter über den Tellerrand hinausragte. Das mit Wellenschliff versehene Schneidwerkzeug wurde dadurch wie von einem Katapult beschleunigt. Wild kreiselnd sirrte es auf den Franzosen zu, durchtrennte dessen, mittlerweile deutlich hervortretende Halsschlagader zur Gänze und blieb danach vibrierend, im dezenten Dunkelblau des Teppichbodens stecken. Das Blut des Franzosen spritzte meterweit durch die Suite.

Cornelius sprang entsetzt auf. Seinen Stuhl dabei polternd umwerfend, stürzte er sich von planlosem Aktionismus beflügelt auf den spastisch zuckend daliegenden Dubois.

Ohne weiter darüber nachzudenken, griff er mit der einen Hand nach dem, im Teppich steckenden, bluttriefenden Steakmesser und versuchte mit der andern, der pulsierenden Blutfontäne Einhalt zu gebieten.

 

In dem Moment klopfte die Zimmerkellnerin.

Cornelius schrie in seiner Hektik: »Ja!!!«, und setzte mit diesem unscheinbaren, kleinen Wort, eine Folge von Ereignissen in Gang, die nicht nur sein Leben für immer verändern würden.

 

Die ahnungslose Frau trat ein, um das Essgeschirr abzuräumen. Beim Anblick des, über dem Sterbenden knienden, blutbesudelten Politikers, fing sie hysterisch an zu schreien.

 

Commissario Biagio Rossi und Sergante Frattini hatten ihre Untersuchung, das gestohlene Gepäckstück in Zimmer 622 betreffend, soeben ergebnislos abgeschlossen. Angelockt vom panischen Geschrei der Zimmerkellnerin, stürmten beide in Bellmeyers Suite.

Frattini erfasste mit einem Blick die Situation. Diensteifrig stürzte er sich auf den mutmaßlichen Täter, um ihm, unter vollstem körperlichen Einsatz, die mutmaßliche Tatwaffe zu entwinden.

 

Der so entstandene Lärm, ausgelöst durch den sich, warum auch immer, heftig gegen den Polizisten wehrenden; und dazu »Lassen Sie mich los!«, schreienden Politiker, Cornelius Bellmeyer, weckte im angrenzenden Raum dessen Leibwächter Bosco Strozzi aus dem Mittagsschlaf.

Noch nicht ganz wach, stürzte dieser ins Zimmer, erfasste ebenfalls mit einem Blick die Situation; - blutbesudelter Schutzbefohlener, drei unbekannte Eindringlinge, davon einer leblos am Boden liegend; - und handelte, wie man es ihm auf der Leibwächterschule beigebracht hatte.

In einer fließenden Bewegung zog und entsicherte er seine neun Millimeter Sig Sauer, rollte sich filmreif auf dem Teppich ab, schoss dem Sergeanten als Primärziel in die Stirn, kam dicht vor dem zweiten Angreifer wieder auf die Beine und setzte diesen, als Sekundärziel, mit geübtem, harten Handkantenschlag gegen die Halsschlagader, vorübergehend außer Gefecht. Schnell, effektiv und mit auf das Nötigste reduziertem Personenschaden.

 

»Boss! Alles ine Ordenung?! Sinde Sie verletzte?!! Was iste denn hier überhaupt passiert? Wer sinde die Leute?!«, fragte Bosco, dessen Atem nicht sonderlich schneller ging als vor seinem Einsatz.

Er beugte sich über den erschossen daliegenden Mann und zog einen Ausweis aus der Innentasche der Lederjacke des Toten.

»Polizei!!? Scheiße Boss, Polizei! Iche habe Bulle getotet.«

Jetzt beschleunigte sich Boscos Herzfrequenz erheblich. Der Leibwächter stürzte eilig zu dem anderen, bewusstlos am Boden liegenden Mann und betrachtete auch dessen Polizeiausweis mit vor Schreck geweiteten Augen.

»Iche bine tote! Iche habe Polizisten getotet! Porca Miseria! Dieser hier hate mich gesehen! Wasse iste mit die tote andere Mann!? Der ganze Zimmere vollgeblutet?«

 

»Den, - äh -, den habe ich getötet, - aber nur aus Versehen.«

 

»SIE??! Warum??!«

 

»Ich sagte doch, AUS VERSEEEHEN!«

 

Cornelius betrachtete die skurrile Situation aus zwei Leichen, nebst einem Bewusstlosen und konstatierte pragmatisch: »Wir müssen weg. Wir müssen uns aus dem Staub machen, sonst sind wir am Arsch. Am besten ins Ausland. Aus der Scheiße holt uns kein Anwalt dieser Welt wieder heraus. Diplomatische Immunität hin oder her.

 

Bosco schaute seinen Arbeitgeber an. Er erkannte, dass dessen Einschätzung der verfahrenen Situation, durchaus zutreffend war.

Nur das WIR wollte ihm nicht gefallen.

 

»Iche werde allein abhauen Boss, Sie sinde nur Klotz an Bein!«

 

»Aber das kannst du doch nicht machen, du arbeitest für mich! Außerdem kenne ich hier in Italien niemanden!«

 

»Das nichte meine  Problema!«

 

»Bosco, ich habe Geld, - viel Geld, - ich kann uns damit ins Ausland bringen. Wir müssen es nur irgendwie auf das Kreuzfahrtschiff schaffen, auf dem ich mit Larissa sowieso gebucht bin. Ich nehme dich mit!«

 

Strozzi kam nach einigen Überlegungen zu dem Schluss, dass das Geld dieses schwammigen Weicheis, wie er Bellmeyer insgeheim titulierte, tatsächlich noch von Nutzen sein könnte.

 

»Gut, aber iche bestimmen von jetze an wasse wir mache, iste das klaro!?«

 

»Alles klar Bosco, - sonnenklar!«

 

»Dann aufe zu Hafen, Bellemeyer, aber pronto, bevore der Eine hier wieder wache wird.«

 

»Ich muss noch Larissa anrufen, dass wir uns auf dem Schiff treffen!«

 

»Das kannste du auch von unterwegs aus mache, los avanti!!«

 

Cornelius, der geflissentlich überhörte, dass er von seinem Untergebenen jetzt geduzt wurde, folgte diesem gehorsam auf den Hotelflur.

 

 

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