Witzige Storys über das Meer, seine Bewohner und Menschen, welche sich drauf tummeln.
Witzige Storys über das Meer,seine Bewohner und Menschen,welche sich drauf tummeln.

                                                              

     
                                   Das Buch

Der Pleitegeier kreist über der Hamburger Nautilus Reederei. Reedereibesitzer Klose plant daher, sich mit seinem sauer verdienten Schwarzgeld in die Karibik abzusetzen. Dort möchte er mit seiner großen Liebe, der Domina Arabella, ein neues Leben beginnen.                                                                                                                                      Was liegt also näher, als für die Reise die Happy Sea zu nutzen, das letzte ihm verbliebene Schiff seiner einst so strahlenden Flotte.                                                                                                                                       Doch das Schicksal scheint sich gegen ihn verschworen zu haben. Auf dem Schiff treibt ein Dieb sein Unwesen, ein paar hyperintelligente minderjährige Computerfreaks hacken heimlich die Schiffssteuerung und eine professionelle Filmcrew sorgt mit der Produktion schlüpfriger Filme für allerlei Verwirrung. Ganz zu schweigen von der Gruppe hessischer Nacktwanderer, den fünf Mönchen mit Flugangst auf dem Weg zu ihrer Mission auf Haiti und einer ganz normalen Familie mit zwei suboptimal erzogenen Sprösslingen. Völlig überforderte Hilfskräfte als Animateure, sowie Studenten der Zahn-und Veterinärmedizin, als Ärzte mit fragwürdigen Behandlungsmethoden, tragen ebenfalls nicht zu einer erholsamen Reise bei.
                                                                                                   Zu allem Überfluss ist dem Reeder auch noch Totto Strozzi auf den Fersen, ein hochmotivierter italienischer Geldeintreiber mit handfesten Argumenten.
             Witzig, schräg und völlig respektlos!
      Die Urlaubslektüre mit Lachkrampfgarantie!

 

 

 

    Kreuzfahrt mit Hindernissen
Ein bisschen Verlust ist immer

Ein heiterer Roman 
   von
 Wolfgang Müller


E-Mail: meerschreiber@arcor.de
Web: www.meerschreiber.de                  Prolog

Das kleine hölzerne Boot tanzte auf den dunklen Wogen des Atlantiks. Etwa dreißig Meter weiter rechts ragte bedrohlich der riesige weiße Rumpf des Schiffes empor, das bis vor wenigen Minuten noch seine sichere Zuflucht war. Der Mann saß auf der weiß lackierten Bank des winzigen Bootes. Der Schmerz, welcher in seinen gebrochenen Fingern pochte, war seit Tagen zu seinem ständigen Begleiter geworden. Auf der nackten Haut trug er nichts weiter als einen braunen, ärmellosen Kunstledermantel und ein nietenbesetztes Hundehalsband, an dem eine lange Metallkette hing. Die Sonne versank im Meer und Kälte erzeugte deutlich sichtbare Gänsehaut auf den ungeschützten Armen des Mannes. Voller Hoffnung starrte er dem sich langsam entfernenden Koffer mit seinen vier Millionen Euro hinterher, die nun für immer verloren waren. Jetzt würde alles gut werden. 1 Nautilus Reederei, Hamburg 

»Neiiiin! Au! Niiiiicht!!!! Bella oohhhh Bellaaaa,
Hör bitte ahahauf, - nein höhöör nicht auf. Jaaah gut so!« 

Arabella Zieglers üppiger Busen drückte gegen Hans-Werners blasse Wange. Gestützt wurden ihre beiden Zeugnisse geballter Weiblichkeit, durch einen, für diese heroische Aufgabe augenscheinlich nur ungenügend geeigneten, ledernen Büstenhalter und dem schon beängstigend knarzenden obersten Knopf ihres schwarzen, ebenfalls ledernen Kostüms. Arabella stand hinter ihrem Chef und hatte ihre kundigen Hände tief in seine Hose versenkt. Mit geübtem, stahlhartem Griff brachte sie ihn dazu, in immer höheren Tönen seine Zustimmung zu der groben Behandlung zu geben. Mit rauchiger dunkler Stimme raunte sie ihm wohlig klingende Worte in den Gehörgang. 
»Hör auf zu jammern Du Memme. Ich weiß doch, was Dir gefällt, mein Hänschen!« 
Ein süffisantes Grinsen umschmeichelte ihre vollen roten Lippen, während sie nicht behutsam, aber mit großem Sachverstand Hans-Werners Fortpflanzungsorgan bearbeitete. Plötzlich läutete im Nebenraum das Telefon. Unmittelbar danach blinkte an Hans-Werners, in bequemer Reichweite stehendem Apparat, eine rote Leuchtdiode, um einen wichtigen Anruf anzuzeigen. 
»Da wollen wir doch jetzt nicht wirklich rangehen, Hänschen. - ODER?!!«                                                                                    »Neiihihihin, lass klingeln, Bellahahah.«
 
»Ähmm!« 

Als hätte sie in eine Steckdose gegriffen, riss Arabella ihre Hand aus Hans-Werners Hosenbund und verletzte sich leicht den Handrücken an seiner Gürtelschnalle.

»Holger du Trottel!!!«, ereiferte sich der Chef der Nautilus Reederei, während er fahrig seinen Hosenbund richtete, den schweren Chefsessel herumschwenkte und Bürovorsteher Holger Pfeifer streng in die Augen schaute. 
»Ich kann es überhaupt nicht leiden, bei wichtigen Besprechungen gestört zu werden, merk dir das endlich! - Anklopfen Holger, - anklopfen, - dass kann doch nicht so schwer sein!« 

»Holger, - Holger«, mischte sich Arabella mit tiefem, bedrohlichem Bass in die Unterhaltung ein, während sie mit sichtlichem Wohlbehagen einen Blutstropfen von ihrem Handrücken schleckte. Pfeifer schaute unbehaglich in ihre Richtung. Diese Frau machte ihm Angst. Sie war zwar nur Chefbuchhalterin der Reederei, aber sein Boss fraß ihr förmlich aus der Hand. Na, dachte er, ist halt Geschmacksache. Es war ihm vollkommen unerklärlich, was der Chef an dieser Frau fand.
Ständig stakste sie in engen Lederklamotten herum. Und dann diese beknackten hohen Stiefel. Vielleicht rührte seine Antipathie ja auch daher, dass sie schon an die 60 war und er, Holger Pfeifer, die rechte Hand des Chefs, gerade mal 32.

»Herr Klose, ich habe die Deutsche Bank in der Leitung, diesen Herrn Kleiber. Ich hatte ihn zu Ihnen durchgestellt, aber Sie nahmen ja nicht ab - «, sagte Holger vorwurfsvoll, während er mit der Hand durch seinen dichten, blonden Vollbart fuhr und zu Arabella herüberschielte.
»Dieser Kleiber scheint etwas aufgebracht zu sein, ich glaube wirklich, Sie sollten den Anruf entgegennehmen«.                                                                                                                 »Mensch Pfeifer, ist ja gut. Gewöhnen Sie sich endlich an, nicht vor jedem Banker sofort strammzustehen. Sagen Sie ihm, ich sei in einer Besprechung und riefe nachher zurück.«

Hans-Werner, - jetzt wieder ganz der Chef und nicht mehr willenloses Opfer und Vaseline in den Händen von Arabella Ziegler, schaute Pfeifer kopfschüttelnd hinterher, während der betreten das Büro verließ. 

»Hast du dir schon die Buchungszahlen unserer aktuellen Kreuzfahrten angesehen Hänschen? Beunruhigend wäre noch untertrieben, würde ich sagen. Und unser Firmenkonto ist auch wieder am unteren Anschlag. Wenn der Trend weiter so anhält, sehe ich schwarz, Schätzchen.« 
Niemand, außer Arabella, wagte es, Hans-Werner Hänschen, oder gar Schätzchen zu nennen.                 »Reich mir bitte mal die neuesten Zahlen rüber, Bella.« 

Nach eingehendem Studium der wirklich beängstigend abwärts verlaufenden Geschäftsentwicklungskurve blickte Klose resigniert auf. »Du hast recht, wir brauchen dringend eine gute Idee, wie wir diesen Kahn wieder aus dem Schlick ziehen können. - Hoolgeeer!!!« 
Der meldete sich mit zaghaftem Klopfen an der Bürotür.
»Jetzt komm schon rein du Hirni, und zwar zügig!!!«
»Aber - ich sollte doch vorher -«.
»Papperlapapp, Holger, jetzt musst du zeigen, dass du dein Geld wert bist! Unsere Umsätze bewegen sich besorgniserregend in Richtung Meeresgrund und das darf so nicht weitergehen. Lass dir etwas einfallen, dafür wirst du schließlich bezahlt!! Hier, schau dir die Zahlen an!«
Er warf Holger einen Stapel Papier zu, die dieser nur mit Mühe auffangen konnte.                                                                              »Wenn ich dem lieben Herrn Kleiber von der Deutschen Bank das unter die Nase halte, kannst du dir bald `nen neuen Job suchen!« 2 Deutsche Bank, Hamburg

»Kleiber! - Sie betreuen doch unseren alten Kunden, die Nautilus Reederei. Wenn ich deren Konto sehe, bekomme ich Bauchschmerzen. Sehen Sie zu, dass Sie das wieder in die Reihe bekommen!«                                                                                      »Jawohl Herr Wissmann, ich erwarte jeden Moment einen Anruf der Reederei.«
Wie er diesen Kerl hasste. Gerade mal 38 Jahre alt und schon Abeilungsleiter im Bereich Geschäftskunden. Und er,  -  59 war er jetzt. Hatte sich seit seinem fünfzehnten Lebensjahr für diese Bank abgerackert.  Zum Dank dafür, setzten sie ihm so einen jungen Schnösel vor die Nase, noch grün hinter den Ohren, aber ihm erklären wollen, wie der Hase lief.  Drei Jahre noch sagte sich Arthur immer wieder.  Drei Jahre noch bis zur Rente, maximal, dann hab ich`s geschafft.
Aber was war dann? Die Vorstellung, ständig zu Hause bei seiner Helene zu sitzen und sich ihr Gekeife anhören müssen, war auch nicht wirklich eine Alternative.                                                     »Telefon Herr Kleiber, Herr Klose von der Nautilus Reederei möchte sie sprechen.« 
»Stellen sie durch, Karin. - Kleiber?« 
»Arthur, altes Haus, wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen, lass mich nachdenken, - das muss ja bald ein halbes Jahr her sein. Wird Zeit, dass wir mal wieder `ne Runde auf dem Golfplatz drehen! Kannst du dich noch an letztes Mal erinnern, - nee was hatten wir hinterher im Club noch für`n Spaß! Entschuldige, dass ich deinen Anruf nicht sofort beantworten konnte, aber bis eben waren noch Leuten von der TUI hier. Die wollten ein ganzes Schiff chartern, aber das nur am Rande Arthur, was hast du auf dem Herzen, mein Freund?«                    
»Hans-Werner, ich rufe wegen deines besorgniserregenden Kontostands an. Die letzte Rate eures ohnehin sehr großzügigen Kredites ist auch schon überfällig. Muss ich mir Sorgen machen?«                                     
»Arthur, ich erwarte noch in dieser Woche eine größere Überweisung, dann ist alles wieder im grünen Bereich. Das ist lediglich eine kleine Delle nach unten, aber sowas kommt vor, im Geschäftsleben. Du weist doch, wie das ist, da zahlt ein Kunde etwas schleppend und schon rutscht man in die roten Zahlen. - Mal was anderes Arthur, wir veranstalten in der nächsten Woche ein Preisausschreiben und verlosen eine Kreuzfahrt in einer Luxussuite im Wert von 3500 Euro. Ich habe mir erlaubt, eine Karte mit deinem Namen mit in die Lostrommel zu werfen? Ich weiß doch wie beschäftigt du immer bist.«
»Hans-Werner, du bist nicht erst GERADE in die roten Zahlen gerutscht, du befindest dich schon ein verdammtes Stück unter den roten Zahlen. Was bitte soll ich meinem Chef konkret berichten? Wie gedenkt deine Reederei, da wieder rauszukommen?«
»Arthur, lass uns das nicht hier am Telefon besprechen. Was würdest du dazu sagen, wenn du mit deiner werten Gattin am Wochenende zu uns zum Essen kommst. Bei der Gelegenheit könnte ich dir ganz in Ruhe und bei einem schönen Glas Wein unser neues, sensationelles Konzept vorlegen. Ist alles noch Top Secret Arthur, - TOP SECRET, aber du wirst staunen! Also ich sag dann schon mal meiner Frau Bescheid. Wir erwarten euch so gegen 20:00 Uhr. Und bitte keine Umstände, es soll ein ganz zwangloser Abend werden.«                                                        
»Äh, ja, danke für die Einladung Hans-Werner, wir kommen gerne.« 
»Schön Arthur, dann bis Samstag und Grüße an Helene.« 

Nachdenklich legte Arthur den Hörer auf die Gabel. Hoffentlich geht das gut, dachte er bei sich. Andererseits, - was konnte ihm schon passieren. Bei seinem Alter würden die es sich zweimal überlegen ihn vor die Tür zu setzen.
Diesen aufgeblasenen Herrn Wissmann würde es härter treffen.
Arthur musste innerlich grinsen, - eine schöne Vorstellung wäre das, eine sehr Schöne. 3 Nautilus Reederei, Hamburg  

Langsam legte auch Hans-Werne Klose den Hörer zurück auf die Gabel. 
»Na, Arabella, wie war ich?«                                                                  »Es hörte sich erfolgversprechend an, Schätzchen. Aber heute Abend wirst du mir zeigen müssen, wie gut du wirklich bist.« Ihr rauchiger Bass war noch nicht ganz verhallt, da bemerkte Hans-Werner schon eine Reaktion zwischen den Beinen. Die Frau ist einfach der Hammer, dachte er sich. Da habe ich vor drei Jahren eine bildhübsche, 26 jährige Schönheit geheiratet und jetzt bin ich in Arabella verknallt. Aber er konnte da nicht gegen an. Dieser fraugewordene Vulkan brachte Saiten beim ihm zum Klingen, von denen er noch nicht einmal geahnt hatte, dass sie auf seinem Instrument existierten, geschweige denn, dass es solche Töne überhaupt gab. Er war Arabella hoffnungslos verfallen.

»Holgeeer!!! Zu mir, - aber flott!« Die Tür flog auf und Holger stürzte ins Büro. 
»Holger, wie war das mit dem Anklopfen?!«
»Äh« 
»Schon gut Holger, hast du bereits eine Idee, wie wir aus der Misere wieder raus kommen?«
»Nun, ich weiß zumindest, worin unser Problem besteht, Herr Klose.«                                                                                                     »Ja,-- und??«                                                                                               »Wie Sie wissen, haben wir drei Kreuzfahrtschiffe im Einsatz.«
»Da erzählst du mir jetzt aber wirklich nichts Neues, Holger.«        »Ja ich weiß Chef. Für alle drei Schiffe laufen die Buchungen eher schleppend. Da bieten wir zum einen die Senioren-Kreuzfahrten von Genua nach Teneriffa an, immer nur zu einem Drittel ausgebucht. Dann die FKK-Kreuzfahrten, übrigens eine Idee unserer geschätzten Frau Ziegler, jedoch ebenfalls nur zu einem Drittel gebucht. Und zum guten Schluss, unsere All-Inklusive Kreuzfahrt, Music all arround the Clock, mit Manni Rammelhammer, leider ebenfalls nur zu einem Drittel gebucht. Alles in allem also drei, nur zu etwa dreißig Prozent ausgebuchte Schiffe, die jeden Tag viel Geld Kosten.«
»Das bedeutet ja pro Monat über 2 Mio. Euro nur an Löhnen und Gehältern, für drei Crews, die nichts anderes tun, als sich die Eier zu schaukeln!! Kein Wunder, dass wir in die roten Zahlen rutschen. Die Pötte rechnen sich nur, wenn sie ausgebucht über die Meere schippern!«, rief Klose empört dazwischen.
»Da haben sie vollkommen recht Chef, aber das Geld sitzt nicht mehr so locker in diesen Zeiten.« 

»Nun, Pfeifer, was macht der Staat, wenn es ihm schlecht geht? -  Richtig, er erhöht die Steuern. Das können wir leider nicht. Im Gegensatz zum Staat, der bis heute nicht begriffen hat, wie man spart, müssen wir die Kosten senken. Fangen wir doch bei dir an Holger, was zahle ich dir jeden Monat?«                                              »Ja, äh, Chef -«                                                                                    »Keine Angst, war`n Scherz. Also, was ist ein Drittel und ein Drittel und ein Drittel?«
Pfeifer wusste aus Erfahrung, dass Hans-Werner Klose seine Fragen in der Regel selbst zu beantworten pflegte. Man musste ihn nur reden lassen. 
»Richtig Holger, das ergibt ein Ganzes. Ein ganzes Schiff.«            »Äh, Chef, ich glaube, ich verstehe nicht.« 
»Was ist da so schwer zu verstehn, Pfeifer. Ein ganzes Schiff. Das bedeutet, wir stornieren alle Buchungen und basteln daraus eine einzige Kreuzfahrt. Für Opa und Oma, für die Nackedeis und die Bekloppten.« 
»Die Bekloppten, Chef?« 
»Na diese Ballermann-Hüpfer, die sich den lieben langen Tag die Birne wegsaufen und diesen Schlagerfuzzie Rammelhammer anhimmeln, der sinnfreie Texte ins Publikum grölt. Wir packen sie alle auf ein Schiff. Die beiden anderen Pötte legen wir in Genua vor Anker und entlassen die Mannschaften. Als Buchungsanreiz ändern wir auch die Route. Wir dampfen nicht nur bis Teneriffa, sondern komplett über den großen Teich in die Karibik! Na? Wie findest du das, Holger. Eine all inklusive Tour in die Karibik für einen sensationell günstigen Preis.«
 
Holger Pfeifer wartete einen Augenblick, um sicherzustellen, dass ernsthaft eine Antwort von ihm erwartet wurde, und sagte dann enthusiastisch »Super Idee Herr Klose, ganz phantastisch. Wie kommen die Gäste aus der Karibik anschließend nach Hause?«                                                                                                                           »Pfeifer, über die technischen Feinheiten wirst DU dir Gedanken machen. Ich erwarte bis Freitag konstruktive Vorschläge. Also beweise mal, dass du die vielen Scheine wert bist, die ich dir so großzügig jeden Monat auf den Tisch blättere. Ach, bevor ich`s vergesse Holger, ruf meine Frau an und sag ihr, ich hätte heute Abend noch eine Besprechung mit wichtigen Kunden, es kann sehr spät werden, sie soll nicht auf mich warten.« 
Bei den letzten Worten grinste Hans-Werner verstohlen zu Arabella herüber.           
Holger nahm wortlos seine Aufzeichnungen und zog sich ins Vorzimmer zurück. Wie stellte sich Klose das eigentlich vor? Pfeifer begann, die Kosten der Reise zu überschlagen. Er kam auf mindestens 1600 Euro, inklusive Rückflug. Dann hätten sie aber noch keinen Euro verdient. Die Reise musste mindestens 2000 Euro pro Person kosten. Das war schlichtweg zu teuer. Mit DEM Preis würden sie die Passagiere, welche die normalen Mittelmeerreisen gebucht hatten, nicht locken können.
Vor lauter Rechnerei hätte er beinahe vergessen, Samantha anzurufen. Holger griff sich sein privates Handy und verließ die Reederei, um bei der Gelegenheit draußen eine Zigarette zu rauchen.
»Samantha, - Holger hier. Ich soll dir ausrichten, dass dein Mann heute Abend später heimkommt. Er hat noch eine Besprechung mit wichtigen Kunden.« 
»Dass ich nicht lache, wichtige Kunden. Haben diese Kunden ihren Arsch wieder in Lack und Leder gezwängt?«                                    »Ich weis nicht Sammi. Soll ich vorbei kommen, um dir die Wartezeit auf deinen Mann etwas zu versüßen?«                           »Was für eine blöde Frage, selbstverständlich sollst du kommen, mein Liebster.«
»Ich kann es kaum erwarten, dann also bis gegen sechs, ich liebe dich.« 
»Ich dich auch Holger. Irgendwann bringe ich den Kerl um, für sein andauerndes Fremdgehen.« 
Holger konnte Samanthas Logik, bezüglich ihrer Seitensprünge und denen Ihres Mannes, nicht ganz folgen. Aber er hatte schon vor einiger Zeit beschlossen, das nicht weiter zu hinterfragen. Samantha ein schlechtes Gewissen einzureden, war das Letzte, was Holger beabsichtigte. Schließlich hatte er sich unsterblich in die Frau seines Chefs verliebt. 4 Villa Klose, Elbchaussee Hamburg           
Kurz vor sechs, parkte er seinen alten blauen Golf in der Nähe der Villa an der Elbchaussee. Samantha erwartete ihn bereits sehnsüchtig an der wuchtigen Haustür des repräsentativen Herrenhauses, welches die Familie Klose bereits in der vierten Generation bewohnte. Wie jedes Mal bekam Holger bei Samanthas Anblick weiche Knie. Wie konnte sein Chef ein so göttliches Geschöpf ignorieren, um sich stattdessen einem Drachen wie der Ziegler zuwenden. Er verstand es nicht. Engelsgleich wogten Samanthas lange, weißblonden Haare um ihr Gesicht. Ihr Unterkörper von hautengen, himmelblau glänzenden Leggins verhüllt, die absolut keine Fragen offen ließen. Das kanariengelbe, enganliegende T-Shirt, verbarg nur unzulänglich, was medizinische Koryphäen in monatelangen Sitzungen, gottgleich gebastelt hatten. Holger fragte sich, ob für die Bezeichnung ihrer Körbchengröße, überhaupt genug Alphabet vorhanden war. Eingerahmt wurde dieser Göttliche, - nun, vielleicht hätte der liebe Gott nicht ganz so übertrieben wie Dr. Sommerfeld, - eingerahmt wurde dieser göttliche Oberkörper von einer kurzen, knaatschroten und mit Sicherheit sauteueren Lederjacke. Voller Begierde zog Samantha ihn in die weiträumige Eingangshalle und warf die Tür hinter ihm zu. Sie riss ihm das Sakko vom Leib und öffnete in Windeseile seinen Gürtel, so dass ihm die Hose auf die Knie rutschte.                    

»Ich hab` dich so vermisst mein Liebster«, hauchte sie lüstern in sein Ohr, und riss ihn dicht zu sich heran. Holger war wegen ihrer üppigen Oberweite gezwungen, sich stark nach hinten zu krümmen, was ihm aber nicht wirklich unangenehm war. Schmachtend stülpte sie ihm ihre großen, aufgespritzten Schlauchbootlippen über Mund und Nase. Von ihr unbeabsichtigt, wurde so kurzzeitig jegliche Luftzufuhr unterbunden, was Holgers Knie noch ein wenig weicher werden ließen. Voller Vorfreude zog Samantha ihn an seiner blau-rot gestreiften Krawatte in Richtung Schlafzimmer. Darauf, dass seine heruntergelassene Hose ihn beim Gehen ernstlich behinderte, nahm sie keine Rücksicht. Nachdem beide nach und nach ihre Kleidung im Schlafzimmer verteilt und sich gegenseitig, eine geschlagene Stunde, in allen erdenklichen Stellungen geliebt hatten, lagen sie schweißüberströmt auf den schwarzen Satin-Laken. Genussvoll rauchte jeder eine Zigarette.                                                                         »Hoffentlich bemerkt dein Mann nicht, dass ich hier war«, keuchte Holger noch immer atemlos zwischen zwei tiefen Zügen an seiner Camel Filter.
»Der hat sein eigenes Schlafzimmer. Wahrscheinlich sehe ich diesen Versager heute gar nicht mehr. Damals dachte ich, ich heirate einen vitalen Reeder, und was ist, - bei mir kriegt der alte Sack keinen mehr hoch. Nur mit dieser schlampig geschnürten, alten Hexe scheint es noch zu klappen. Ich möchte wissen was die besser macht als ich«. 
Holger hätte ihr dazu, basierend auf seinen zufälligen Beobachtungen im Büro, den einen oder anderen Tipp geben können. Er vermied allerdings tunlichst, das Thema weiter zu vertiefen. Auch Samantha pflegte ihre Fragen, genau wie ihr Mann, meist selbst zu beantworten.
»Wie kann der Sack es wagen, mich so schamlos mit dieser hässlichen Oma zu hintergehen!! Ich werd` mich scheiden lassen, dann wird er schon sehen, was er davon hat!« 
Holger drückte seine Zigarette aus, rollte sich zur Frau seines Chefs herum und flötete ihr ins Ohr: »Aber du hast doch mich, Samantha.« 
Sie blickte ihn mit ihren großen, wasserblauen Augen an. 
»Völlig richtig Holger, mein Schatz! Und deshalb werden wir`s ihm jetzt nochmal ordentlich heimzahlen.« 
Holger, der seine Leistungsgrenze eigentlich schon überschritten hatte, war gezwungen alle Reserven zu mobilisieren, um abermals Samanthas gehobenen Ansprüchen zu genügen. 5 Nautilus Reederei Hamburg

»Finger weg, du Wicht!!« Arabella peitschte ihrem Chef Hans-Werner das Plastik Lineal kraftvoll auf die Finger, nachdem selbige sich in ihr Dekolletee verirrt hatten.                  »Wenn ICH es dir erlaube, - NUR wenn ich es dir erlaube, Hänschen«. Wie ein geprügelter Hund zog sich Hans-Werner schmollend hinter seinen Schreibtisch zurück.
»Pfeifeeeer!! Zu mir! Sofort!!« 
Holger riss die Tür auf und stürmte herein.
»Anklopfen! - Ach Pfeifer, bei dir ist Hopfen und Malz verloren«.
Klose hatte seine schmerzenden Finger zwischen die Oberschenkel geklemmt, um das Brennen auf dem Handrücken etwas zu mildern.  
»Wo bleibt deine Ausarbeitung bezüglich der Kreuzfahrt?!«            

»Hier Chef, alles fertig.« 

Der Reeder studierte die voraussichtlichen Kosten und den sich daraus ergebenden Fahrpreis. 
»2000 Euro!!! Dafür kann ich ja mit der Queen Mary über den Teich schippern!«
»Chef, auf unserem Pott schuften 600 Leute, um die 2000 Passagiere satt und zufrieden zu halten. Dazu kommt für 1,2 Millionen EUR Treibstoff, bis in die Karibik und zurück, Verpflegung für 2600 Leute und obendrauf die Getränke. Ich bin jetzt mal davon ausgegangen, dass es eine All-In-Tour werden soll. Zum guten Schluss noch der Rückflug, den wir wahrscheinlich auch nicht unter 500 Euro einkaufen können.« 
»Pfeifer, dass hast du gut gemacht. Aber ab jetzt kümmere ich mich selbst darum. Chefsache sozusagen. Danke, du kannst jetzt gehen.«

»Bella, bring mir mal die Aufstellung, wie viel wir auf der Happy Sea an Löhnen und Gehältern zahlen.« 
Arabella schaute ihn stumm, mit hochgezogenen Augenbrauen an.

»Bitte«, presste Hans-Werner kleinlaut heraus und Arabellas leicht entgleiste Gesichtszüge verschoben sich wieder in einen freundlichen Modus.
»Es ist ja unglaublich, was diese Schmarotzer für so `n bisschen - auf `m Meer rumschippern - an Geld kassieren!!!«, entfuhr es Klose, als er die Liste studierte. 
»Da werden wir als Erstes anfangen zu streichen.« 
Wild fegte sein roter Kugelschreiber über die Liste.
»Die Kosten für die Verpflegung pro Passagier reduzieren wir auf 20 EUR pro Tag. Beim Treibstoff muss ich mal schaun, das wird nicht so einfach. Arabella Schatz, haben wir die Crews der anderen beiden Schiffe schon gefeuert? - Nein? - Dann wird es aber Zeit! Mit den Fluggesellschaften verhandel ich selber. Das war`s dann wohl für heute.»

»Na, na, Hänschen, - sind wir denn wirklich schon fertig?!!«  

Pfeifer hatte sich eben seinen dunkelblauen Trenchcoat übergestreift und war im Begriff sich von seinem Chef zu verabschieden.
Die Hand schon zum Anklopfen erhoben hielt er erschrocken inne. Beängstigende Geräusche drangen aus dem Büro. Vorsichtig drückte er die Klinke herunter, - abgeschlossen! Pfeifer wollte sein Ohr an die Tür legen, entschied sich aber, wegen des grässlichen Klatschens und des darauf folgenden lustvollen Stöhnens dagegen. Sollten sie doch veranstalten, was ihnen Spaß machte, die beiden waren schließlich alt genug. 6 Villa Klose, Elbchaussee

»Vielen Dank nochmals«, verabschiedete Hans-Werner die Leute vom Partyservice. 
»Schicken sie die Rechnung bitte an die Rederei, sie wissen schon.« Den Trinkgeld fordernden Blick der Lieferanten ignorierend, drückte er die Haustür ins Schloss und wandte den Kopf vorwurfsvoll seiner Frau zu. 
»Wann lernst du endlich mal die Küchengeräte zu benutzen und selbst zu kochen, das kann doch nicht so schwer sein!«                 »Sobald du endlich mal DEIN Gerät benutzt, das kann ja wohl auch nicht so schwer sein!« 
»Ja, ja, ist ja gut Samantha, muss wohl am Alter liegen.«                    Er schaute demonstrativ auf seine Armbanduhr.
»Sieh zu, dass du fertig wirst, in zwanzig Minuten kommen Arthur und Helene. Der Besuch heute ist lebenswichtig für die Reederei und mach Arthur nicht so offensichtlich schöne Augen hörst du. Nur wenn Helene nicht hinschaut!« 
»Lass das mal meine Sorge sein Hans-Werner.« Samantha drehte sich um und huschte die große geschwungene Treppe der Empfangshalle hinauf ins Bad. 


»Helene, Arthur! Schön, dass ihr es einrichten konntet.
Nein! Helene! Was siehst du gut aus. Jedes Mal, wenn ich dich sehe, erscheinst du mir etwas jünger, wie machst du das nur?!«
»Alter Schmeichler, jetzt übertreibst du aber.« 
»Keineswegs Helene, keineswegs. Komm, ich helfe dir aus dem Mantel! Ich würde vorschlagen, wir nehmen zuerst einen Aperitif. Arthur, ich habe da einen hervorragenden Pastis. Einen Sekt für die Dame? - Samantha, Liebling, du auch einen Sekt?« 
»Sehr gerne mein Schatz.« 
Nach ein wenig Small Talk begaben sich die Vier zu Tisch.
Samantha trug heute ein rotes, tief ausgeschnittenes Abendkleid. Arthur Kleiber gab sich alle Mühe, schaffte es aber nicht immer, den Blick an Samanthas Dekolletee vorbeizulenken. Helene Kleiber, zwei Jahre jünger als Arthur, war eher der konservative Typ. Sie trug ein langes, hochgeschlossenes mausgraues Kleid, das höchstens zwei Nummern zu eng ausgefallen war und für sie völlig unverständlich, all zu deutlich ihren etwas molligen Körperbau betonte. Helenes Frisur, die übliche Dauerwelle, betonte zusätzlich ihre eher langweilige Gesamterscheinung.

»Samantha, ganz vorzüglich dieser Rehrücken, ich kann mich nicht erinnern, je so etwas Schmackhaftes gegessen zu haben. Und dazu die herrlichen Knödel, einfach phantastisch.  Ein dickes Lob an die Köchin.« 
»Danke Arthur, jetzt übertreibst du aber. Das ist doch gar nichts Besonderes.« 
»Womit hast du den Rehrücken gewürzt Samantha? Ein wirklich gut abgerundeter Geschmack.«
»Ja, ganz exquisit. Ist dass Portwein oder Sherry in der Sauce? Ich tippe mal auf Port«, fragte Helene spitz.
Arthurs nicht zu übersehendes Interesse an Samanthas Rundungen und jetzt auch noch an ihren Kochkünsten ging ihr gehörig gegen den Strich. Samantha war es etwas unbehaglich zumute, vom Kochen verstand sie genau so wenig wie von so vielen anderen Dingen. Was sie wirklich perfekt beherrschte, war, ihre Nägel zu lackieren und Boutiquen leerzukaufen. 
»Einen kleinen Schuss Sherry, nur einen Schuss, das Rezept hab ich von meiner Mutter.«    
»Ah, ich verstehe.« Helene glaubte ihr kein Wort.
Arthur dachte schon jetzt mit Bangen an die Rückfahrt. Da würde seine Frau ihm wieder heftige Vorhaltungen machen.
Nach köstlichem Mousse o`Chocolat, lehnte Arthur sich gut gesättigt zurück. »Ein rundum gelungenes Menü Samantha«. 
»Darf ich euch noch zu einem Digestif in unser Raucherzimmer bitten?«, versuchte Klose, die sich anbahnende Fehde, zwischen Arthur und seiner Frau, zu entschärfen. 
»Sehr gerne Hans-Werner, da würde ich nicht Nein sagen«, flötete Helene, während sie ihrem Mann einen vernichtenden Blick zuwarf. Hans-Werner führte Sie durch eine schwere eichene Schiebetür in den neben dem Speisezimmer gelegenen Raucherraum. 
»Womit kann ich euch eine Freude machen? Vielleicht einen alten Cognac? Arthur, probiere doch mal diesen 30 Jahre alten Hennessy, der rinnt durch die Kehle wie Öl. Helene, Du auch einen?« 
»Sehr gerne Hans-Werner, danke« 
»Ach mein Freund, beinahe hätte ich`s vergessen, ich wollte dir doch noch erläutern, wie wir unsere zukünftigen Kreuzfahrten gestalten werden. Komm doch bitte kurz mit in mein Büro, da habe ich alles für dich vorbereitet. Würden die Damen uns kurz entschuldigen?« 
»Kein Problem Hans-Werner, Samantha kann mir ja in der Zeit mal ihre Küche zeigen.«

Oben im Büro hatte Hans-Werner seine kleine Präsentation vorbereitet. Schau hier Arthur. So werden wir den Laden wieder auf Vordermann bringen. Wir stoßen zwei Schiffe ab und konzentrieren uns auf ein Einziges. Durch den Verkauf der beiden Pötte spülen wir eine Menge frisches Kapital in unsere Kasse. Das verschafft uns Zeit, um mit aggressiven Angeboten die Konkurrenz auszubremsen. Wie du weißt, haben wir in letzter Zeit Motto-Kreuzfahrten veranstaltet. Die Resonanz bisher war durchweg positiv mit steigender Tendenz. Was uns zu Zeit fehlt, ist einzig ein wenig Cash, Arthur. Aber genau das erreichen wir mit dem Verkauf der beiden überflüssigen Schiffe. Nur, bis wir die Schiffe verkauft haben, - was bei dem jetzigen Kreuzfahrboom nicht wirklich ein Problem darstellt, - möchte ich euch bitten, noch etwas stillzuhalten.«

»Wie lange Hans-Werner?«                                                                 

»Acht Wochen wäre eine realistische Zeit, Arthur, nur acht Wochen, dann sind wir übern` Berg.«                                                                    »OK, Hans-Werner, acht Wochen. Aber mehr ist nicht drin. Ich bekomme jetzt schon Ärger mit diesem Schnösel Wissmann. 
Du erwähntest eine Kreuzfahrt, die ihr verlost?«  
  
»Das hätte ich doch beinahe vergessen. Stell dir vor Arthur, du hast gewonnen! Zehn Tage für zwei Personen, von Genua bis in die Karibik und das Ganze in unserer Super Luxus Suite, inklusive Rückflug! Na, was sagst du dazu?!«                                                      »Da bin ich jetzt aber wirklich überrascht Hans-Werner«, grinste Arthur.

Nachdem sich die Kleibers für den schönen Abend bedankt hatten, machten sie sich in ihrem silbergrauen Opel auf den Rückweg. 

»Ich möchte mal wissen, was an dieser Frau noch echt ist. Bei dem Atombusen kann die wahrscheinlich nur auf dem Rücken schlafen«, schnappte Helene, sichtlich genervt.
»Und erst die Lippen!! - Arthur, die Lippen! Wie Daisy Duck! - Und die Küche, neiiin, die sah aus, als hätte dort noch nie jemand gekocht! Ich möchte wissen, was Hans-Werner an der blöden Kuh bloß findet.« 
»Tja Helene, die wird sicher andere Qualitäten haben.«                     »Was kann das schon sein, Arthur?!«                                                     »Na was wohl.«
»Ach Arthur, das glaubst du doch selber nicht, in seinem Alter, - der Hans-Werner ist doch auch schon 59. Da hat der sicher anderes im Sinn!« 
»Du musst es ja wissen, Helene«, murmelte Arthur leise. Dieser blöden Kuh war nicht mehr zu helfen, dachte er resigniert. Warum hatte er Helene bloß damals geheiratet. Im Bett lief schon seit Jahren nichts mehr. Und wie die sich immer anwrackte. Da sah ja seine Mutter noch flotter aus. Ja, der Hans-Werner, der hat`s richtig gemacht. Ne schnelle und schmerzlose Scheidung, und dann so eine Granate heiraten, das hielt jung.

»Schatz, in drei Wochen fahren wir in Urlaub, wie findest du das?«    
»Wie kommst du dazu, so etwas einfach über meinen Kopf hinweg, zu beschließen!«                                                                                         »Hab ich nicht. Der Hans-Werner hat ein Preisausschreiben veranstaltet, und dabei habe ich eine 10-tägige Kreuzfahrt in einer Luxus Suite gewonnen, natürlich für zwei Personen. Na, was sagst du?«
»Echt, - gewonnen? Ist ja phantastisch, Arthur. Ja, ja, man muss auch mal Glück im Leben haben.« 
Arthur sah seine Frau fragend von der Seite an. Samantha Klose mochte ja nicht der hellste Strahler im Theater sein, aber all zu weit hatte seine Helene wohl auch noch nicht hinter die Kulissen des Geschäftslebens geschaut.
»Arthur, dann muss ich aber SOFORT morgen in die Stadt, ich habe ja gaaar nichts anzuziehen für so eine Reise. Ist das auch mit Käptn`s Dinner und so? Wo geht die Reise überhaupt hin?!«                           »Von Genua über Mallorca und Teneriffa in die Karibik mein Schatz.« 7  Nautilus Reederei, Hamburg

»Hier ist die Post Herr Klose«.                                                         »Danke Holger, - was Wichtiges dabei?«                                             »Eine Menge Kündigungen, Chef«
»Wieso Kündigungen, haben Sie die Besatzungen der beiden überzähligen Schiffe denn noch nicht gekündigt!?«                      »Nein Chef, das sind Kündigungen von Besatzungsmitgliedern aller drei Schiffe. Die Leute haben seit drei Monaten kein Geld mehr gesehen, ist doch klar das die sauer werden!«                                  »Auf welcher Seite stehen Sie eigentlich Pfeifer?!!«

Wieder so eine rein rhetorische Frage, auf die Holger eine Antwort tunlichst vermeiden würde.                                                                  »Holger, wir ziehen hier doch alle an einem Strang. Ich kann nicht glauben, dass die Ratten das sinkende Schiff verlassen. Ist das der Dank!? Ich habe ihnen über Jahre Lohn, Brot, ein Dach über dem Kopf und eine sichere Existenz gegeben!! Holger - merke dir eins- die Welt ist schlecht. Undank ist der Welten Lohn, Junge.« 
»Ja Chef.«
»Schön, dann müssen WIR sie ja wenigstens nicht mehr kündigen, ist doch praktisch. Holger, ich brauche dringend eine Liste der Leute, die noch zu uns stehen, also die uns noch nicht mit ihrer feigen Kündigung in den Rücken gefallen sind! Würdest du die Liste für mich zusammenstellen, - danke.«
 
Nach einer Stunde erschien Holger mit der Liste. 
»Es sieht nicht gut aus Chef, gar nicht gut. Wollen Sie erst die guten oder die schlechten Nachrichten hören?«                                         »Keine Fisimatenten Pfeifer, wer von der Besatzung ist noch verfügbar?« 
»Fangen wir mal ganz unten an. Die Chinesen aus der Wäscherei sind scheinbar alle noch da, dass Küchenpersonal nur noch zur Hälfte. Zum Glück haben der Chefkoch und der Proviantmeister bis jetzt noch nicht gekündigt. Von den Animateuren ist niemand mehr da, Steuermann, Zahlmeister, Schiffsarzt und Zahnarzt sind ebenfalls weg. Unsere Hotelchefin und der Kapitän scheinen jedoch noch die Stellung zu halten.«                                                                       »Das sind alle!? Oh, dieses undankbare Pack!!«
Hans-Werner lehnte sich einen Moment gedankenversunken in seinem schweren schwarzen Ledersessel zurück und schloss die Augen. 
»Nun denn!«, erwachte er zu neuem Leben, »das kann doch einen Klose nicht erschüttern, was Pfeifer! Gib mal her den Wisch, ich kümmere mich darum. Das ist jetzt Chefsache, du kannst gehen. Ach und was meine Frau angeht-«                                                                 »Was ist mit Ihrer Frau Chef?«, fragte Holger, voller Angst, dass der Chef doch etwas von seinem Verhältnis mit Samantha bemerkt haben könnte.                                                                                          »Ich habe heute Abend wieder eine wichtige Besprechung, sie wissen schon, ich komme später, richte es ihr doch bitte aus. Und jetzt raus mit dir, an die Arbeit!« 

»Bella, meine Schöne, komm doch mal her zu mir, bitte.«

»Hänschen Schätzchen kannst du wieder nicht ohne mich?!«

Arabella erhob sich aus ihrem Ledersessel und schritt hoch erhobenen Hauptes an Kloses Schreibtisch vorbei zu Bürotür, wo sie deutlich vernehmbar den Schlüssel herumdrehte. Das trockene Knatschen ihres kurzen Lederrocks jagte Klose einen lustvollen Schauer über den Rücken. Arabella drückte ihre schweren Brüste rechts und links neben seinen Kopf. 
»Na, was hat Hänschen auf dem Herzen?«, hörte Klose sie auf Grund seiner abgedeckten Gehörgänge dumpf fragen. Er befreite sich vorsichtig von den riesigen Ohrenschützern.                         »Liebste Bella, was würdest du dazu sagen, wenn wir beide ebenfalls in die Karibik reisen. Ich habe mir überlegt, an unserer Kreuzfahrt unter falschem Namen teilzunehmen. Ich möchte gerne, - undercover so zu sagen, - überprüfen, ob es beim Ablauf der Reise noch Verbesserungsmöglichkeiten gibt.«

Holger, neugierig geworden, durch das Abschließen der Bürotür, presste sein Ohr fest an das Türblatt.
 
»Hänschen, Hänschen, mir kannst du doch nichts vormachen«, raunte ihm Arabella mit rauchiger Stimme ins Ohr, während sie seine Hose öffnete und mit routiniertem Griff Hans-Werners volle Aufmerksamkeit erlangte. 

»Nun sag schon Schätzchen, was hast du wirklich vor.« 
Der, trotz ihrer tiefen Stimme einschmeichelnde Tonfall, stand in krassem Gegensatz zu dem Schmerz, der sich in seinem Lendenbereich ausbreitete. Für Hans-Werner war dies, so weh es auch tat, ein phantastisches Gefühl. Er brauchte es einfach.
Und er brauchte Arabella. Nur mit dieser Frau, und ihrer sehr speziellen Behandlung, erreichte Hans-Werner Gefühle höchster Glückseligkeit. 
»Schätzchen antworte«, zischte Arabella und steigerte nochmals Kloses Glücksgefühl. 
»Arabella«, keuchte er, »nur wir beide, eine Kreuzfahrt in die Karibik.« 

Jetzt wird es interessant, dachte Holger Pfeifer und konzentrierte sich auf die dumpfen Stimmen aus dem Büro.

»Ich habe ein wenig Kapital an die Seite gebracht, von dem niemand etwas ahnt. Dieses Geld möchte ich auf die Cayman Inseln bringen. Und dazu ist die Kreuzfahrt doch perfekt geeignet. Was hältst du davon, nur du und ich, zehn Tage in meiner komfortabelsten Luxus Suite, phantastische Buffets. Lauschige, ungestörte Nächte auf unserem privaten Balkon.« Bella verstärkte den Druck bis fast ins unerträgliche und Hans-Werner wusste, dass er seine große Liebe richtig eingeschätzt hatte. 
»Ich deute das mal als ein Ja«, presste Klose unter Schmerzen mühsam aber glücklich heraus und Arabella belohnte ihn mit einem Blick, der nur für Insider als ein Lächeln gedeutet werden konnte.          
 
Holger hatte genug gehört. Dieser Arsch wollte seine Frau und die Reederei um eine Menge Geld betrügen, und das in diesen schwierigen Zeiten. Das musste er sofort Samantha erzählen.

»Samantha, ich bin`s«. Er tat einen tiefen Zug an seiner Zigarette im Hinterhof der Reederei. »Dein Mann kommt heute wieder später.« 
»Mein Mann kommt überhaupt nicht mehr, jedenfalls nicht bei mir, Holger!« 
»Kopf hoch, Samantha, ich bin gegen halb sechs bei dir, ich muss dir etwas Wichtiges erzählen«. 

»Pfeifeeer!! Zu mir!!« Holger drückte hastig die Klinke herunter und knallte mit dem Kopf gegen das Türblatt. 
»Angeklopft hast du ja jetzt Pfeifer, nun komm endlich rein!!«    »Chef, es ist abgeschlossen.«                                                                »Oh, ja einen Moment!«, rief Klose und hastete zur Tür. 

»Nur ein Test Holger, aber so lernst du das mit dem Anklopfen ja vielleicht doch noch. Und jetzt aufgemerkt, junger Mann! Diese Schreiben hier«, er drückte ihm einen Stapel kopierte Flugblätter in die Hand, »die hängst du in der Hamburger Uni an alle schwarzen Bretter, die du finden kannst. Wollen doch mal sehen, ob wir für die Happy Sea keine vernünftige Mannschaft zusammenbekommen.«        
»Jawohl Chef, ich mach mich sofort auf den Weg.« 

Hans-Werner Klose hatte sich vorgenommen, in der folgenden Woche, kräftig die Werbetrommel für seine sensationell günstige Kreuzfahrt zu rühren. 

»Pfeifer, wir müssen überall präsent sein. In allen einschlägigen Foren im Internet, Seiten der FKK-Anhänger, die Malle Trottel, wir müssen sie alle erreichen, und das schnell!« 

»Ja Chef, ich mache mich sofort an die Arbeit.«

Als Holger im Wagen saß, warf er neugierig einen Blick auf die Flugblätter.

Einfach mal abschalten vom täglichen Uni Stress?
10 -Tage Kreuzfahrt in die Karibik mit anschließendem Rückflug und alles vollkommen umsonst. 
Wir suchen engagierte, unabhängige Studenten,
die sich, bei freier Kost und Logis, im
Umgang mit Reisegästen weiterbilden möchten.
Sind Sie sportlich und aufgeschlossen für neue Herausforderungen?
Haben sie medizinische Kenntnisse, 
oder sind sie Student der Fachrichtung Maschinenbau?
Haben sie schon mal in der Gastronomie gejobbt?
Wenn sie nur eine dieser Fragen mit Ja beantworten können,
sollten sie uns anrufen,
Nautilus Reederei, Hamburg, Tel.: 040 20205066987  
     
Der schreckt aber auch vor nichts zurück, dachte sich Holger, während er durch den dichten Verkehr in Richtung Uni mäanderte. 

Eine Stunde später klingelte er an Samanthas Haustür.

Eine weitere Stunde später tat er völlig ausgepowert den dritten tiefen Zug an seiner Camel.                                                                   »Ich muss dir etwas Wichtiges erzählen, Sammi.«                             Holger berichtete, was er heute im Büro durch die Tür belauscht hatte. 
»Warum hast du mir das nicht sofort gesagt?!«                                 »Du hast mich ja nicht zu Wort kommen lassen!«                               »Dieses perverse Schwein macht heimlich eine Kreuzfahrt mit seiner ledernen Bums-Oma!! Der hintergeht mich schamlos mit diesem runzligen Flittchen! Ich reiß ihm die Eier ab, diesem Arsch!«                »Nun reg dich doch nicht so auf, Sammi«, sagte Holger beschwichtigend, da ihm solche Äußerungen immer Unbehagen bereiteten. 
»So ein verkackter Ehebrecher! Ich lass mich scheiden! Mir erzählt das Arschloch, wir müssten sparen und dann bringt der seine verschissenen Kröten heimlich auf die Caymans!«

»Ja, ist schon ein schlimmer Finger, dein Mann«, sagte Holger. 

Einerseits erschrocken, dass dieses, in seinen Augen engelsgleiche Wesen fluchen konnte wie ein ausgebufftes Hamburger Fischweib, andererseits nicht sonderlich betrübt, dass sie ihren Mann so hasste. 
»Du wirst auch mitfahren, Holger!« 

»Ich!!?« 

»Ja mein Liebling.« Samantha schmiegte sich an seine Seite und küsste ihn sanft auf den Mund.
»Du musst Fotos von den beiden machen. Ich will Beweise für seinen schamlosen Ehebruch und du musst ihm das Schwarzgeld abjagen. Du bist doch mein weißer Ritter Holger, oder etwa nicht?«, schmuste sie ihm ins Ohr.                                                                    »Aber er wird mich doch erkennen, Samantha!«, versuchte Holger sich aus der Sache, deren Entwickelung im Moment so gar nicht nach seinem Geschmack war, herauszureden. Seine junge Geliebte schaute ihn lange an.
»Holger Schatz, ich werde dein Äußeres so verändern, dass selbst deine Mutter dich nicht erkennen würde, vertrau mir.« 8  Wirtshaus zum ewigen Studenten, Hamburg

»Hey Langer, bestell mir noch n` Flens mit!«, rief Karsten Krämer hinter seinem Freund Dominik Halberstaedt her, als der sich schon zum zweiten Mal auf den Weg zur Toilette machte. 

Karsten und Dominik studierten Medizin an der Hamburger Uni und saßen abends oft hier in ihrer Stammkneipe auf ein paar Bier. Karsten wollte Tierarzt werden und nach dem Studium die Praxis seines Onkels in Fuhlsbüttel übernehmen. Die theoretischen Abschlüsse hatte er alle in der Tasche und sogar schon eine Stelle bei einem Tierarzt in Kiel in Aussicht, um praktische Erfahrungen sammeln. Im Gegensatz zu dem schlanken Dominik war Karsten eher der dicke gemütliche Typ. Neben sich, auf der von vielen Studenten mit Schnitzarbeiten verzierten Holzbank, stand eine grüne Sporttasche mit Rambo. Rambo war sein kleiner Yorkshire Terrier, der allerdings nur nett aussah. Wenn man ihm zu nahe kam, konnte er sich in eine reißende Bestie verwandeln. 

»Hier, dein Flens «, sagte Dominik, der soeben von der Toilette zurückgekehrt war. »Na, hast du dich schon entschieden?« Dominik deutete fragend auf eines der Flugblätter, von denen seit ein paar Tagen eine Menge am Schwarzen Brett der Uni klebten.                         
»Und du? Kommst du mit? So`n bisschen Urlaub für lau würde uns nach dem Stress der letzten Jahre guttun.«                                         »Tja, so ganz ohne Arbeit geht das dort ja sicher auch nicht ab, schätze ich«, entgegnete Karsten skeptisch.                                          »Na, so schlimm wird`s das schon nicht werden. Glaub mir, so schnell kommen wir nicht mehr in die Karibik, wenn der Praxis Stress erstmal losgeht. Lass uns morgen einfach mal dort vorbeischauen.«                                                                                          »Ist bei euch alles ok, oder habt ihr noch einen Wunsch?«, fragte Johanna Meerbusch, die hier mit Kellnern ihr schmales Studienbudget aufbesserte. Tagsüber studierte sie Psychologie. 

»Alles gut Hanna, wir sind wunschlos glücklich. Hier, hast du schon gesehen? Wäre das nicht auch was für dich?« Dominik schob ihr das Flugblatt rüber. »Also wir beide werden uns morgen mal schlaumachen, was da wirklich hintersteckt.«
»Hört sich interessant an, habt Ihr den Wisch über?«                       »Klar Hanna, würde mich echt freuen, wenn du auch dabei wärst«.    »Mal schauen, ich sag euch Bescheid. 9  Büttelborn bei Darmstadt, Vereinsheim des            
    FKK-Vereins Sonne auf der Haut, überall

»Nun gomme wir auf den letzten Punkt unserer Tagesordnung, nämlisch Bunkt Verschiedenes.« 
Rolf Krause, Vorsitzender des FKK-Vereins »Sonne auf der Haut, überall«, schaute erwartungsvoll in die Runde der sechs Vereinsmitglieder. Im Gegensatz zu den anderen Mitgliedern bemühte er sich, schon von Berufswegen, einigermaßen hochdeutsch zu sprechen. Heike Mommsen, 45, meldete sich mit ihrer schrillen Stimme zu Wort. Gomme mir nochmol uf`dn lezdn Vorfall boi unsrä Wanderung zu schpräsche«                                                                                 »Ja, rischtsch, eine verdammde Saurei wor des. Nischt mol uf`dän äxdra fürs Naggedwanderen ausgewiesnen Wegn gönne mir noch lawn, ohne des sisch irschndwelsch verglemmde Arschlöschä drübä ufräschn! Es is grad so, als ob die do uf`d Lauä lieschn un uf us Naggerde warde dädn!«, pflichtete ihr Ehemann Dieter bei.                         
»Jo, seid mir den Wanderwesch als Naggedwanderwesch ausgschilded hom, schdeen do ständisch irschn`d welsch neigierische Leit rum, nur um zu schponnä. Lezdn Mondog hod so ä Sau Fodos g`mocht!«                                                                                                    »Fodos!? Didoo!!! - Gfilmd hom die Säu sogor!«, verbesserte Heike ihren Mann lautstark                                                                                  »Nun, Freunde der Freigörberguldur, es ist leider immer noch  schwierig, unsre Neischung in der Öffentlischgeid auszuleben.« versuchte Rolf Krause die Wogen etwas zu glätten.
»Isch hab im Indernet einen Hinweis auf eine Greuzfahrt für  ÄfGaGa-Anhänger gefunden. Ischt sogar rescht günstig. Währ des nix für unseren diesjährischen gemeinsamen Ausflug? Wir ham schon einen schtattlischen Betrag in der Vereinskasse. Jeder müsste nur noch eine kleine Summe dazuleschn. Außerdem wird es jetzt im Ogdober drausn zu frisch, um unserem Hobby nachzugehn. Da wäre eine Greuzfahrt in wärmere Gefilde schon recht angenehm. Wir müssten uns allerdings kurzfristsch endscheide, die reis' soll schon in drei Wochen losgehen.« 
»Also isch hädde scho Lust!«, rief Horst Nagel und schaute dabei seine Frau Regina fragend an.                                                                 »Wäsche mir gärne«, grinste Regina ihren Mann an. Nachdem auch die Anderen zugestimmt hatten, versprach Rolf Krause sich um die Buchung zu kümmern und schloss die Versammlung, die diesmal auf der Kegelbahn des Büttelborner Dorfkrugs beim traditionellen Nacktkegeln stattfand.                                                                       »Hoddee, beschdell do nochmol sechs Bier!«                                      Horst rief über das Haustelefon die Wirtin und gab die Bestellung auf. Zehn Minuten später klopfte die Bedienung an der Tür.                 
«Die Bier schdan vor de Dür, lassd`s eu`schmegge.«
»Dange Rosie, häddescht abä ruhig reingomme gönne!«                 »Ne lass mo Hodde, da müsst i misch ja ooch auszihe!« 10  Kloster  Herrenfurth in Oberklötenbach bei Kassel

»Meine lieben Brüder«, sagte der mit großer Leibesfülle gesegnete Abt, Bruder Gandolfus.
Die sechs Bewohner des Klosters Herrenfurth hatten soeben ihr Abendessen beendet. Es gab Hähnchenschenkel an frischem Tomatensalat mit Thymian. Der Salat stammte selbstverständlich aus dem kleinen, aber feinen Treibhaus des allgemein bewunderten Gartenfreaks Bruder Eusebius. 

»Meine lieben Brüder, ich möchte nochmals auf unsere bevorstehende Reise in die Mission unseres Ordens auf Haiti zu sprechen kommen. Ist das leidige Problem mit der Flugangst unseres Bruders Johannes jetzt endlich vom Tisch?« 

»Nein meine Brüder, ich werde auf gar keinen Fall in ein Flugzeug steigen. Das habe ich euch schon letzte Woche gesagt, und dabei bleibe ich auch. Ich leide an Höhenangst, wie ihr wisst.« 

Johannes hatte in seinem früheren Leben, also dem vormönchischen, als Maurer gearbeitet. Zwei knackige Polizisten in ihren schmucken Uniformen, auf der gegenüber der Baustelle gelegenen Straßenseite, hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Die Ablenkung begünstigte seinen, durch eine fehlende Gerüstbohle ausgelösten freien Fall, aus einer Höhe von 10 Metern, direkt auf einen soeben frisch aufgeschütteten Sandhaufen. Dass er dadurch nur knapp am Leben in einem Rollstuhl vorbei geschlittert war, brachte ihn dazu, sich unmittelbar nach seiner Genesung, in das nahegelegene Kloster zu begeben. Er hatte es seit dem nicht mehr verlassen und litt fortan unter der eben erwähnten Höhenangst.                                                     
»Das war zu befürchten«, antwortete Abt Gandolfus mit resigniertem Gesichtsausdruck. »Deshalb habe ich diese Teufelsmaschine in meinem Büro genutzt und im Internet nach alternativen Reisemöglichkeiten in die Karibik gesucht.«

Gandolfus war nicht gerade als Anhänger des Computerzeitalters bekannt, aber das Internet hatte durchaus auch seine schönen Seiten, die er in stillen Stunden sehr zu würdigen wusste.
»Brüder, ich bin fündig geworden. Wir werden, wie einst Jonas im Bauch des Wals, über das Meer nach Haiti reisen. Natürlich nicht in einem Wal, sondern auf einem großen Schiff. Dort fahren allerdings noch sehr viele andere Menschen mit uns, was die Überfahrt eventuell etwas unbequem gestalten könnte. Aber ich denke, dass wir für unseren lieben Bruder Johannes, der von uns allen sehr geschätzt wird, dieses Opfer bringen werden. Nun, was sagt ihr dazu?«
»Gandolfus, es ehrt mich zutiefst, dass ihr euch wegen mir den Strapazen einer längeren Anreise aussetzen wollt. Ich hoffe, ich kann das irgendwann wieder gutmachen.«                                                  »Ich bin sicher, Bruder Johannes, die Gelegenheit wird kommen.« 11  Zentrum der Friseurinnung Scherheim bei                         Kammbach                                   
»Meine Damen und Herren, angehende Friseurgesellinnen und Gesellen. Ich habe die Freude, ihnen mitteilen zu können, dass Sie alle den theoretischen Teil der Gesellenprüfung bestanden haben!« 

Heidelinde Ramsmeyer, die langjährige Vorsitzende der Friseurinnung Unterfranken, grinste über ihre beiden ausgeprägten Kanzlerinnenwangen. Stolz war sie vor allem auf ihren eigenen Lehrling, den 20-jährigen Antonius Schuster, der die Prüfung jetzt im dritten und letzten Anlauf zu bestehen versuchte. Antonius war in den vergangenen Jahren in ihrem Salon mit vielen Dingen beschäftigt gewesen. Mit dem Erlernen des Friseurhandwerks an sich hatten seine Dienstleistungen allerdings nur am Rande zu tun. Es stand eher die Aufrechterhaltung der Lebensfreude seiner Chefin im Vordergrund. Antonius war Vollwaise und hatte sich damals für die offene Lehrstelle mit Wohnmöglichkeit in Heidelindes Salon beworben. Vom ersten Augenblick an hatte sie einen Narren an ihm gefressen. Ihr Mann Rolf war vor fünf Jahren verstorben und eine Frau wie Heidelinde hatte schließlich auch Bedürfnisse.
Es stellte sich jedoch sehr bald heraus, das Antonius nicht für einen Salon in der tiefsten unterfränkischen Provinz geschaffen war. Seine Frisur-Ideen hätten in Berlin, München oder Frankfurt sicher für Furore gesorgt, aber nachdem er der angehenden Frau des Dorfpolizisten zur Hochzeit einen Sheriffstern auf den vorher kurz rasierten Hinterkopf gefräst hatte, war das Vertrauen in seine Frisierkünste, beim Scherheimer Publikum, etwas angeknackst. Heidelinde beschloss damals, ihn von der wichtigen Kundschaft fernzuhalten. Sie brachte es jedoch nicht übers Herz, ihn zu kündigen. Zu umfassend waren seine Fähigkeiten auf anderen, für sie ebenso wichtigen Gebieten. Nur ab und zu, wenn eine, in ihren Augen eher unbedeutende Kundin, nach einer neuen, außergewöhnlichen Frisur verlangte, rief sie nach Antonius, der die Aufgabe dann immer mit Bravour erledigte. Sie tat das natürlich auch, um ihm eine Freude zu machen und ihn für Dinge zu belohnen, bei deren Angedenken ihr jedes Mal ein wohliger Schauer durch den Körper lief. Auf diese Weise kam Antonius Schuster natürlich wenig mit Kunden und mehr mit Heidelinde in Kontakt. Dementsprechend dürftig waren, mangels Zeit zum abendlichen Studium der Fachliteratur, seine theoretischen Kenntnisse. Abgesehen natürlich von seinen Ideen, die allesamt meist außerhalb jeglicher Vorstellungskraft der Kundinnen lagen, zumindest in Scherheim bei Kammbach. 
Nun, nach fast vier Jahren Lehrzeit, war der heutige Prüfungstag Antonius letzte Chance den Abschluss als Friseurgeselle zu erlangen.
Insgeheim hoffte Heidelinde, dass Antonius bei ihr bleiben würde, um bis zu ihrem Lebensende an ihrer Seite zu frisieren. Aber sie war nicht dumm und ihre vielen Spiegel im Salon berichteten stets alle dasselbe. Nämlich die Geschichte mit der schönen Friseuse hinter den sieben Bergen. Mit Wehmut dachte Heidelinde schon jetzt an den Tag der Trennung, wenn ihr geliebter Prinz die Burg verließ und sie wieder allein sein würde. 

»Ich sehe, jeder von Ihnen hat ein Modell aus dem Freundes- und Bekanntenkreis mitgebracht«, begann Heidelinde Ramsmeyer mit ihrer Einführung zur zweiten und letzten Prüfungsaufgabe im praktischen Teil. 
»Ich möchte Sie nun bitten, zuerst mit dem Modell ein Beratungsgespräch durchzuführen, um so die Wünsche des Kunden oder der Kundin zu erörtern. Meine geschätzten Kollegen von der Prüfungskommission und ich werden aufmerksam zuhören und Ihr Gespräch beurteilen. Und nun viel Glück, meine Damen und Herren, Sie haben 10 Minuten, fangen Sie bitte an.«

Antonius begab sich zu dem ihm zugewiesenen Frisierstuhl und begrüßte seine Kundin Kornelia Glösenfried, Tochter des Bäckermeisters Willi Glösenfried, Betreiber der gleichnamigen Bäckerei mit angeschlossener Konditorei, direkt neben Heidelindes Friseursalon. Heidelinde hatte ihrem Lehrling Glösenfrieds Tochter als Modell besorgt. Bei ihr war sie sich sicher, dass ihr geliebter Antonius nicht auf dumme Gedanken kam. Kornelia wurde im Dorf gemeinhin als quadratisch praktisch gut bezeichnet, hatte aber ein sehr hübsches Gesicht. Das einzige Zugeständnis, zu welchem Heidelinde bereit war.

»Guten Tag meine Dame, was kann ich für Sie tun«?, begann Antonius das Beratungsgespräch. 
Etliche Male hatten sie geprobt, so dass Heidelinde den Text mittlerweile auswendig konnte. Es würde darauf hinauslaufen, dass er ihr eine elegante Hochsteckfrisur, mit ein paar farbigen Strähnen,
für ihre angebliche bevorstehende Hochzeit frisieren sollte. Auch das war in der vergangenen Woche viele Male erfolgreich geübt worden.

»Nun werter Herr«, antwortete Kornelia, »meine bevorstehende Hochzeit ist gestern geplatzt. Ich werde mich also wieder mehr unserer Bäckerei und Konditorei widmen können. Deshalb habe ich mir überlegt, dass Sie mir einen großen Präsentkorb auf den Kopf frisieren. Mit Brötchen und allerlei lustigen Leckereien. Sozusagen als Blickfang und Werbung für unseren Laden.«
 
Diese Version des Beratungsgesprächs war Heidelinde vollkommen neu. Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht und sie stürzte auf ihren Lehrling zu, um ihn an ihre Abmachung bezüglich der Frisur zu erinnern.
»Aber, aber Frau Ramsmeyer, Sie müssten doch als Vorsitzende unserer Friseurinnung am Besten wissen, dass wir uns in die Gespräche nicht einmischen dürfen!«, hielt sie ein Kollege der schneidenden Zunft im letzten Augenblick zurück.
              
»Aber gerne werte Dame, darf es auch etwas farbig werden?«
»Selbstverständlich, ich bitte darum. Ich habe vollstes Vertrauen in Ihre Fähigkeiten.« 
Diese Version hatten die beiden in der vergangenen Woche ebenfalls jeden Abend in Kornelias Zimmer, über der Bäckerei geübt. Was sie dort sonst noch geübt hatten, durfte Heidelinde Ramsmeyer natürlich nicht erfahren.

»Nachdem sie ihre Beratungsgespräche nun hinter sich gebracht haben, möchte ich alle Prüflinge bitten, mit der Arbeit zu beginnen«, wandte sich Frau Ramsmeyer an die zukünftigen Friseurgesellen.    

Antonius zog in den darauf folgenden 270 Minuten alle Register seiner ausgeprägten Fantasie. Mit Hilfe von Haarspray, Festiger, Gel und anderer moderner chemischer Kampfstoffe, schuf er aus Kornelias sehr langen blonden Haaren einen großen Präsentkorb, den er mit allerlei Leckereichen und natürlich auch Broten füllte. Nichts war echt in diesem Korb, aber alles sah zum Anbeißen aus.
Nach einiger Zeit drängten sich viele staunende Mitglieder der Prüfungskommission um den wild vor sich hinfrisierenden jungen Mann. Sie gratulierten der noch immer vor sich hinbrummenden Heidelinde zu diesem außergewöhnlichen Lehrling.

Antonius bestand seine Prüfung mit Auszeichnung und wurde noch am selben Tag von Heidelinde Ramsmeyer entlassen. Noch während der Prüfung hatte sie die heimliche Liebschaft ihres Antonius mit dieser dicken Printe, wie sie die Bäckerstochter von nun an nannte, durchschaut. Antonius suchte schon am nächsten Tag, er war vorübergehend bei Kornelia eingezogen, nach einem neuen Job. Im Internet stieß er auf die Anzeige eines Kreuzfahrtveranstalters, der für eine Atlantiküberquerung noch einen Bordfriseur suchte. Der Salon wurde gestellt und die Hälfte der Einnahmen dufte er behalten. Und das alles bei freier Kost und Logis. Da Antonius im Moment sowieso knapp bei Kasse war und er Urlaub dringend nötig hatte, beschloss er, sich für den Job zu bewerben. Noch am selben Abend schickte Antonius Schuster eine E-Mail los.

Sehr geehrte Damen und Herren, mein Name ist Antoine Cordonnier....

Dies war erst das Vorspiel zu einer turbulenten Kreuzfahrt

Wenn Sie lieber Leser Lust auf "Meer" haben, und an der verrückten Reise teilnehmen möchten, würde mich das sehr freuen. Es ist noch eine Kabine frei...

 ihr                                                                                                                                                       Wolfgang Müller 

 

 

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