Witzige Storys über das Meer, seine Bewohner und Menschen, welche sich drauf tummeln.
Witzige Storys über das Meer,seine Bewohner und Menschen,welche sich drauf tummeln.

Leseproben

I                                                       Anfang von Kapitel 1 

Er rotzte die Reste des ausgelutschten Kautabaks auf die Planken. Barfuß stand der Seemann hinter dem alten, schartigen Steuerrad. Seine riesigen Pranken ruhten locker auf den hölzernen Speichen. Die Segel hingen schlaff herunter und schlugen unwillig gegen die Rahen, als bettelten sie um Wind. Vereinzelte Schreie neugieriger Möwen durchdrangen den dichten Nebel. Ocke Reinders spürte kaum Druck im Ruder. Die schlechte Sicht machte ihm Sor gen.

 »Verdammtes Rumgeeier! Ich - «,  begann Ocke genervt.
Mit warnend erhobener Hand brachte Geert seinen Freund und Steuermann zum Schweigen. Kapitän Schroten horchte angestrengt in den dichten Nebel, der die Kogge einhüllte.

1363 erblickte Geert Schroten, als viertes von vier Kindern, auf einem Bauernhof an der friesischen Küste, das Licht der Welt. Sein ältester Bruder sollte als Erstgeborener den Hof erben. Seine beiden Schwestern würden heiraten. Er selbst musste sich irgendwie anders durchschlagen. Er hätte in den Kirchendienst eintreten, oder sich als Soldat verdingen können. Geert aber zog es aufs Meer hinaus. 
Mit dreizehn heuerte er als Schiffsjunge auf einer Hansekogge an. Die Sitten waren rau und die Bezahlung schlecht. Wie viele andere auch, lernte er das Handwerk des Seemanns auf die harte Tour. Bei Wind und Wetter, bei Kälte und Sturm. Unzulängliche Kleidung und Krankheiten raffte viele dahin. Ein Menschenleben zählte zu der Zeit nicht viel. Tote Seeleute wurden einfach im nächsten Hafen ersetzt. Nur die Härtesten überlebten. Natürliche Auslese. 
Auf einer Handelsreise nach Schweden, Geert war gerade siebzehn, wurden sie von Piraten überfallen. Viele Gerüchte über die Liekedeeler waren im Umlauf. Alles würde gerecht geteilt, hatte er in einer Lübecker Hafenkneipe gehört. Jeder war gleich viel wert. Er hatte es anfangs nicht glauben wollen.  Es hörte sich für ihn an, wie Erzählungen aus dem Paradies.  Als die Piraten sie vor die Wahl stellten bei ihnen mitzufahren, überlegte Geert nicht lange. Er hatte nicht viel zu verlieren. 

Raue Sitten bestimmten auch den Tage bei den Freibeutern. Die Piraten waren allesamt harte Jungs. Gesuchte Verbrecher, Mörder, einfache Seeleute oder Männer, die einfach Abenteuer und das schnelle Geld suchten. Ihre Entscheidung für das Piratenleben machte sie zu Gesetzesbrechern, zu Outlaws. Vor dem Gesetz waren sie vogelfrei und hatten nichts zu verlieren. Aber es gab einen kleinen, jedoch entscheidenden Unterschied zu den meisten anderen Menschen im vierzehnten Jahrhundert.  Die Piraten arbeiteten in ihre eigene Tasche. Wurden sie jedoch gefasst, war der Preis das Leben. Verglich man sie mit einfachen Soldaten, die ihren schlecht bezahlten Job, ebenfalls oft mit dem Leben bezahlten, war das Piratendasein aus wirtschaftlichen Erwägungen das lukrativere. Im Unterschied zu den Piraten wurde das Töten und Brandschatzen der Soldaten, vom Gesetzgeber allerdings legalisiert. Daran konnte man sehen, dass einen das Töten an sich noch nicht zu einem schlechteren Menschen machte. Entscheidend war, und ist es auch heute noch, auf welcher Seite des Gesetzes man stand. 

Geert Schroten war als Schiffsjunge durch eine harte Schule gegangen und wusste sich zu behaupten. Durch seine natürliche Raffinesse verschaffte er sich schnell Respekt unter den Piraten. Der Kapitän bemerkte Geerts Talent für die Navigation und brachte ihm alles Nötige bei, um ein Schiff selbst zu befehligen. Zu der Zeit lernte er auch Ocke Reinders kennen. Ocke hatte ihm bei einer wüsten Kneipenschlägerei das Leben gerettet. Zum Dank holte er ihn auf das Piratenschiff. Ein paar Jahre später starb der Kapitän, mit knapp vierzig Jahren, bei einem Überfall auf eine Hansekogge. Geert übernahm ab da das Kommando.      

   »Schhht! Ruhig, - hörs`te dat?«, flüsterte er, »ein Schiff  -  ganz nah. - Fall`n büsch`n ab, wir sin zu dicht drrran. - Ich sach den Jungs Bescheid.«
Schroten schlich leise über das Deck. Vorsichtig jedes Knarzen vermeidend, öffnete er die Tür zum Niedergang und den Mannschaftsunterkünften. Jetzt nur keinen Lärm machen. Bei Nebel waren Geräusche besonders weit zu hören. Unter Deck schlug ihm ein Duftcocktail aus Schweiß, Urin und Blut aus dem fensterlosen Mannschaftsquartier entgegen. Seine Männer hingen mehr tot als lebendig in den Hängematten, die zwischen mächtigen Holzstützen gespannt waren. Überall lagen blutige Stofffetzen herum. 
   »Auf, auf!«, zischte Geert leise, aber durchdringend. 
Er schlich durch die Reihen und stieß jene Männer an, die noch kein Lebenszeichen von sich gaben.
 »Een Schiff! Essen! Trrrinken! Beudee!«, flüsterte er aufmunternd. »Mocht euch berrroit zum Endeern!«
Stöhnend wälzten sich die Männer, von Gicht befallener Greise gleich, aus ihren Schlafplätzen. Geert wusste, dass es ihnen schwerfiel. Anerkennend registrierte er, dass sie trotzdem lautlos und routiniert nach ihren Messern und Knüppeln griffen und leise an Deck schlichen.
   »Haltet euch beroit, wir sin dicht drron.«
Geert öffnete die Tür zu seiner Kajüte. Weißes, nebelgeschwängertes Licht fiel durch die Scheiben der vier Fenster im Heck der Kogge. In der Koje an der rechten Wand schlief leise stöhnend, seine Gefährtin Greta. 
Sie hatte sich im Kampf gegen den Deutschen Orden auf Gotland wacker geschlagen. Zumindest, bis der Axthieb eines Ordensritters ihr den Fuß abtrennte. Ocke hatte dem Mann mit einem mächtigen Hieb den Kopf vom Rumpf getrennt und Greta in Sicherheit gebracht. Dort wurde ihr der Beinstumpf von anderen Frauen mit einem glühenden Eisen verödet und die Blutung so vorerst gestoppt. 
Geert trat an die Koje und strich besorgt über ihre schweißnasse Stirn. Seine Gefährtin regte sich kurz, wachte aber nicht auf. Hoffentlich geht die Entzündung zurück, dachte er besorgt, dann schlich er zurück zum Steuermann.
   »Sind sie noch da?«
   »Eben hab` ich een Segel schlag`n hört. Abee bei dee Subbe is et unmöchlich, zu sog`n, von wou genau dat Geräusch `komm is. Wie geht et Grreta?«
   »Schläft. Hat noch nix mitbekomm`. Ich hab` de Tür verriejelt, dann wird ihr nix passier`n. Lassen wir se schlafen.«
   »Jou. Is wohl bessee sou.«
   »Ihr Been sieht nich gut aus. Et schwärt noch immee. Besse se merkt nich, wat hier abgeht.«
 
Wir schreiben das Jahr 1398. Die Piraten der Ostsee, auch Vitalienbrüder oder Liekedeeler (Gleichteiler) genannt, hatten sich seit geraumer Zeit auf Gotland breitgemacht. Den dort ansässigen Bauern waren sie ein Dorn im Auge, da sie ihnen penetrant auf der Tasche lagen. Auch die Kaufleute der Hanse, allen voran Vogelbert von Kraienburg, sowie andere Händler, der umliegenden Länder waren nicht sehr erbaut davon, dass ihre Schiffe ständig ausgeraubt wurden. So, war mit Handel nun mal kein Geld zu verdienen. Die Vitalienbrüder, zusammengewürfelt aus armen Bauern, Fischern, Landarbeitern, aber auch aus Adeligen, die hofften schnelles Geld zu machen, beherrschten zu der Zeit die gesamte Ostsee. Sie wurden mal von diesem, mal von jenem Herrscher unterstützt, als willkommene Söldnerarme und Stachel im Fleische des oft wechselnden Gegners. 
Unerwartet, oder vielleicht durch ein wenig Intervention derer von Kraienburg,  trat dann der Deutsche Orden auf den Plan. Man hatte dort gerade nichts Besseres zu tun. Verzweifelt suchte man, wie seither auch alle anderen Armeen, denen die Kriege abhandengekommen waren, nach neuen Feinden, die es zu bekehren, niederzumachen oder auszurauben galt. Das war ihr Job. Das hatten sie gelernt, sonst nichts. Der Kaiserhof in Prag spielte zu der Zeit mit dem Gedanken, die weißbefrackten Söldner des Herrn, an die türkische Grenze zu versetzen. Danach stand den Rittern jedoch überhaupt nicht der Sinn. Die Kaufleute der Hanse hatten zusammengelegt. Da der Deutsche Orden auch nicht nur von Luft und Liebe leben konnte, kam ihnen von Kraienburgs Angebot gerade recht. Man erkor die Vitalienbrüder zum neuen und vernichtend zu schlagenden Feind. Eiligst wurde eine der größten Kriegsflotten, bestehend aus 84 Schiffen, etwa 4000 schwer bewaffneten Kämpfern und mehreren hundert Pferden aus dem Boden gestampft. Mit klirrenden Waffen segelte man `gen Gotland. Diesen übermächtigen Heilsbringern hatten die Piraten wenig entgegenzusetzen. Der Orden triumphierte nach einer blutigen Schlacht auf dem Eiland vor der schwedischen Küste. 
In geheimer Mission sandte die Hanse eine zuvor vereinbarte Siegprämie, auf mehrere unauffällige Frachtschiffe verteilt, von Lübeck nach Gotland. 
Die etwa vierhundert überlebenden Piraten wurden entwaffnet, bevor man ihnen freies Geleit zusicherte. Das nutzten diese umgehend, um sich auf den Weg zum Nortmer, der heutigen Nordsee zu machen und dort neue Piratennester zu gründen. 
Hier beginnt unsere Geschichte. Die Kogge des Piratenkapitäns Geert Schroten, ein entfernter Bekannter des legendären Klaus Störtebeker, dümpelte etwa fünf Seemeilen nördlich von Bornholm. Seine Mannen leckten sich die Wunden des nur ein paar Tage zurückliegenden Gemetzels auf Gotland. Die lächerlich geringe Menge Proviant, die man ihnen mitzunehmen zugebilligt hatte, war verzehrt und ihre Mägen knurrten.      

Vom Steuerstand aus, sah Geert durch den Nebel, schemenhaft einige, der vierzig, nur unzureichend mit Knüppeln und Messern bewaffneten, zu allem entschlossenen Freibeuter, hinter der niedrigen Bordwand kauern. Die blutdurchtränkten Verbände um Arme und Beine, Zeugen der Schlacht um Gotland, ließen sie recht furchterregend aussehen.
Geert wusste genau, was den Männern jetzt durch den Kopf ging. Gerne hätte er der Mannschaft noch ein paar Tage Erholung gegönnt, aber sie brauchten unbedingt frischen Proviant und Wasser. Entweder dieses Schiff brachte die erhoffte Beute, oder sie müssten die Küste von Bornholm anlaufen, um die dortigen Bauern auszurauben.  
Es ging ums nackte Überleben.
Die Nerven der Freibeuter waren zum Zerreißen gespannt. Mit gemischten Gefühlen warteten sie auf das Zeichen ihres Kapitäns.
Die Männer hatten das Piratenleben bewusst gewählt. Wie er, stammten viele von gekaperten Schiffen, die das miserabel bezahlte Seemannsleben satt hatten. Manche kamen aus der Landwirtschaft, wo sie als Leibeigene ein karges Leben führen mussten. Andere suchten einfach nur das Abenteuer, oder waren vor der Obrigkeit auf der Flucht. Was sie jedoch alle verband, war die Kameradschaft unter Gleichberechtigten und der Wunsch frei zu sein. Ihr eigenes Leben zu leben und irgendwann reiche Beute zu machen. Chancenlose, die Ihr Leben selbst in die Hand nahmen, um sich ein Stück vom sonst unerreichbaren Kuchen abzuschneiden, in ihren eigenen Augen. Gesetzlose, die es zu vernichten galt, in den Augen der Hanse.
Es lag, wie so vieles im Leben, immer im Auge des Betrachters.  
Das Schiff, welches sie gleich entern würden, könnte die Chance auf reiche Beute bedeuten, für manche von Ihnen allerdings auch den Tod. Aber immerhin eine Chance 
Das Schlimmste, was ihnen passieren könnte, wäre, auf eine, der von der Hanse zur Piratenjagd ausgesandten Koggen zu treffen. In ihrem jetzigen, jämmerlichen Zustand, wäre das ihr sicheres Ende.

Lautes Lachen, gefolgt von einem ausgiebigen Rülpser schallte von ganz nah aus dem Nebel herüber.
   »Hart backbood,« zischte Geert seinem Steuermann zu.
Ocke ließ das Ruder rotieren. Die Silhouette einer Hansekogge schälte sich urplötzlich aus dem dichten Nebel. Kurz drauf schrammten sie mit unschönem Knarzen die Bordwand des fremden Schiffes.
   »Klor zum Endeen Männee!!! Mocht se niedee! Ich will ihr Blut über de Plonken sprrritz`n seh`n!!!«, schrie Kapitän Schroten aus vollem Halse.
Einige seiner Männer schauten kurz zu ihm herüber und schüttelten grinsend den Kopf, bevor sie die Enterhaken herüberwarfen. 
Galgenhumor.      

   

                                              Anfang von Kapitel    15

Der rote Ferrari überholte mit halsbrecherischer Geschwindigkeit den schwarzen SUV. Der Ferrarifahrer verlor kurzzeitig die Kontrolle auf dem nassen Kopfsteinpflaster, setzte sich dann direkt vor den Geländewagen und stieg voll in die Eisen. 
Der SUV hatte keine Chance zu reagieren. Scheppernd knallte er in das Heck des mehrere Hunderttausend Euro teueren Sportwagens. 
Der Ferrarifahrer riss die Flügeltür hoch, hechtete, trotz einer stark blutenden Schusswunde in der rechten Schulter, aus dem Wagen. Geschmeidig rollte er sich über die Motorhaube, zog gleichzeitig eine 7,65er Beretta und eine Pumpgun mit abgesägtem Lauf. Leicht in den Knien federnd landete er auf der Beifahrerseite und eröffnete das Feuer auf die Insassen des SUV. Funkensprühend prallten die Geschosse von der gepanzerten Außenhaut des Geländeboliden ab. In dem Moment läutete das Telefon des Schützen. Routiniert legte er die Beretta auf dem Boden ab und nahm das Gespräch entgegen, während er mit der Pumpgun weiter Dellen in den SUV hämmerte. 
Wieder ertönte das Klingeln.
Kevin Schluffes blickte wütend zur Wohnungstür. Wer wagte es, ihn zu stören.  Level 12, kurz vor dem Endgegner. So weit war er noch nie gekommen. Auf gar keinen Fall würde er jetzt öffnen.
Mit einer eleganten Rolle vorwärts landete er neben dem schwarzen SUV. Routiniert nahm er eine Bombe mit Haftmagneten und Zeitzünder aus seinem Waffenarsenal, stellte den Timer auf zehn Sekunden und platzierte sie an der Beifahrertür. Mit einem Salto rückwärts entfernte er sich aus dem Gefahrenbereich und zählte im Geiste runter bis Null. 

Bei Null krachte die Wohnungstür mit lautem Scheppern gegen die Flurwand. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Kevin auf den Riesen, der den geborstenen Türrahmen völlig ausfüllte.
   »Ey Koilee, du bist ja doch zu Hausee. Sitzt hiä rum un socht nix. Komm Kloinee, du host `nen Termin beim Boss. Die Limmo wordet unnee.«
   »Aber was soll das?! Sie können doch nicht einfach hier so eindringen!«
    »Wer socht dat. Nu mach hin, der Boss wordet nich geean«.
Grob packte Rufus Schlachtmann den Internethelden, der noch immer mit der Spielekonsole in der Hand auf dem Sofa lag am Fußgelenk. Wie die Stoffpuppe eines Kindes, schleifte er ihn hinter sich her in den Hausflur. Dann die, zum Glück hölzerne, Flurtreppe hinunter, wobei Kevins Kopf auf jeder einzelnen Stufe dumpf aufdotzte. Weiter durch die Haustür in einen draußen wartenden schwarzen SUV.
Die Unterhaltung, während der etwa zwölf Minuten dauernden Reise, verlief recht einseitig. 
Vor dem, um diese Zeit noch geschlossen bunten Kakadu, bremste der Türsteher des Nachtklubs schlitternd ab, stieg aus und öffnete die Hintertür. 
  »So, die Fohrt endet hiä, bidde auszusteigen und miä zu folgeen.«
   »Aber warum -?« 
Ein Blick von Rufus genügte, um Kevin zum Schweigen zu bringen.
  »Ist ja gut, ich komme!«
Er folgte dem Riesen durch den, trotz des allgemeinen Rauchverbots, nach kaltem Rauch riechendem Gastraum. Nach den drei Damen, welche sich an glänzenden Stangen schubberten, stand Kevin jetzt irgendwie nicht der Sinn. 
   »Hier entlong Kloinee, lous, nicht trrrödeln!«     
Rufus gab ihm einen Schubs. Kevin stolperte bis vor den Schreibtisch des Nachtklubbesitzers. 
   »Herr Schluffes, schön, dass Sie es einrichten konnten.«

 

 

 

 

 

 

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© Wolfgang Müller