Witzige Storys über das Meer, seine Bewohner und Menschen, die sich drauf tummeln.
Witzige Storys über das Meer,seine Bewohner und Menschen,die sich drauf tummeln.

Leseprobe, erstes Kapitel                           Tiwiäitsch Twentyfour

I

                                                        TIWIÄITSCH TWENTYFOUR
                                                           IM AUGE DES ORKANS

                                                                    Wolfgang Müller

 


                                                         Die Leute sind gar nicht so dumm,
                                                         wie wir sie durchs Fernsehen 
                                                         noch machen werden.

                                                                       Hans Joachim Kulenkampff

 

 

 


                                                                            Roman


                                                                          Der Autor

                                                Wolfgang Müller, Jahrgang 1958, lebt mit seiner      
                                                Familie in einem kleinen Dorf im Sauerland.
                                                Neben dem Hochseesegeln und der Malerei,                                                                                         hat er das Schreiben für sich entdeckt.                                                                           

                                                Dies ist sein fünftes Buch.


                                                                            2017
                                                  Dieses Buch ist auch als E-Book erhältlich.
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              TVH 24, Konferenzraum

Eduard Muschmeiers Leben bestand nicht immer aus Fernsehproduktionen. Nein, alles fing in dem Nachtclub Seemannshimmel auf der Reeperbahn an. Lupen-Eddy, wie er damals, wegen seiner starken Brillengläser, genannt wurde, agierte dort als rechte Hand des Nachtclubkönigs Hammer Horst. Im Milieu auftretende Probleme regelte der gerne mit dem Vorschlaghammer.  
An einem kalten Januarmorgen geriet Horst in eine Auseinandersetzung mit anderen Nachtclubbesitzern. In der stinkenden Fischgasse, direkt hinter seinem Etablissement, setzte er sich im blutigen Kampfgetümmel, mit dem Hammer versehentlich selbst außer Gefecht. Daraufhin wurde er von fünfzehn, ihm feindlich gesonnenen Kugeln, aus dem Leben geblasen. 
Eddy konnte damals nur knapp entkommen. Horst hinterließ ihm den Nachtclub, der den Grundstock zu seinem späteren Vermögen darstellen sollte. Nach ein paar fetten Jahren bemerkte Eddy, wie das Rotlichtmilieu mehr und mehr von osteuropäischen Banden übernommen wurde. Eine ganz neue Qualität der Gewalt machte sich breit. Ganovenehre konnte die neue Generation nicht mal mehr buchstabieren. Da Eddy am Leben hing, beschloss er, seine mittlerweile drei Nachtbars zu verkaufen und das Geld in Immobilien anzulegen. 
Auch dabei bewies er ein goldenes Händchen. Sein Vermögen mehrte sich exponentiell. Als dann der marode Privatsender TV Hamburg zum Verkauf stand, entschloss sich Eddy, den Sprung ins Showbiz zu wagen. Auf den griffigen Namen TVH24 umgetauft, machte er ihn mit neuen, aggressiven Sendeformaten über die Jahre zur Nummer drei der Privatsender. Jeder, der ihn kannte, wusste, dass das noch lange nicht das Ende der Fahnenstange war.
Immer, wenn Eduard Muschmeier sich aufregte, verfiel er in den bekannten Hamburger Slang, durch den unbeteiligte Zuhörer, sich amüsiert an die Werner-Filme erinnert fühlten. Die jungen Kreativen, welche heute im Konferenzraum versammelt waren, wussten es allerdings besser. Wenn Muschmeier in seinen Marktschreier-Slang wechselte, war Vorsicht geboten. Da konnten schon mal Köpfe rollen.  
  
»Dies ist ein Fernseysendee und koine Krabbelgruppee! Nur noch mol zur Erinnerung Froindee, wir brauchen Einschaltquooudee! Oune Quoudee koine Werbekunden und oune Kunden koinee Kouhlee!« 

Der kleine, gut beleibte Boss von etwa 800 Mitarbeitern, umkreiste schnaufend, dicht gefolgt von Sekretärin Marianne von Natterbach, den riesigen Konferenztisch. Eddys Havanna drapierte lokomotivengleich eine Nebelwolke unter der nussbaumfarbenen Kassettendecke, während sein drohender Blick durch die lupengleichen Gläser der Hornbrille noch verstärkt wurde.

»Eine Ratesendung vielleicht?«, war der zaghafte Versuch, von Alexander Faust, die sich langsam, aber sicher aufbauenden Wogen zu glätten.  

»Eine Ratesendung? Ein Quiz?«, fegte Muschmeiers Bass in das ratlose Schweigen der Fernsehmacher. 
Eduards Stimme wurde leise, ja beinahe bedrohlich.
 
»Sie meinen sicher so eine tolle Ratesendung, wie ich sie beim Durchzappen AUF JEIDEM SCHOISS SENDEE FINDEN KONN!!!« 

Schwer schnaufend baute sich Eduard vor dem Konferenztisch auf. Daumen und Zeigefinger an die Zigarre gelegt, saugte er mit zusammengekniffenen Augen, das letzte bisschen Leben aus dem Stumpen. Den Rauch in den Konferenzraum blasend, öffnete er  seine kleinen Schweinsaugen, die von den dicken Brillengläsern unnatürlich vergrößert wurden. Bedrohlich starrte er durch dichten Zigarrenqualm, in zwanzig ratlose und betont unbeteiligt dreinschauende Augenpaare. Dann fixierte er wieder Alexander und fuhr mit seiner Ansprache fort.

»Nochmal, damit es auch jeder Trottel versteht. Ich erwarte eine signifikante Steigerung der Einschaltquoten! Bringt mir schräge Vögel, Doofe, Beknackte, Durchgeknallte! - Leute, ihr wisst doch, was unsere Zielgruppe sehen will! Tiwiäitsch Twentyfour muss Fernsehgeschichte schreiben. Wir sind ein Sender, über den man spricht!«

»Aber Chef«, meldete sich Hauke Fischbach zu Wort, »im Grunde ist doch alles schon da gewesen. Maden mümmeln im Blätterwald, abgehalfterte C-Promis mit großen Möpsen, Körpercomics und geschmiedetem Gesichtslametta in der Psycho-WG, Heiratsvermittlung für grenzdebilen Landadel, verbale Schlammschlachten vor dem Richtertisch, Trödel-Verhökerer, Renovierungsschlampen und Makler-Hirnies. Die Luft wird dünner!“

Die Titelmelodie einer beliebten Delfinserie aus den 60er Jahren ertönte. Alexander Faust durchsuchte hektisch sein Sakko nach dem Ursprung des peinlichen Klingeltons. 

»Herr Faust, schön das Sie immer erreichbar sind. Gehen Sie ruhig ran. Mich interessiert, was so überaus wichtig ist, als dass es nicht bis nach dem Meeting warten kann«, forderte ihn Muschmeier mit maliziösem Unterton auf.

Endlich fand Alex, wie er von allen gerufen wurde sein Handy zwischen allerlei überflüssigem Kram in der Innentasche des Sakkos.  
»Nicht wegdrücken Faust, gehen Sie schon ran! Wir sind alle sehr neugierig!«

Mit ängstlichem Blick hielt sich Alex das Telefon ans Ohr.
»Ja, Schatz? - Tatsächlich? - Es ist gerade etwas ungünstig«, versuchte er seine Frau abzuwimmeln. 

»Aber, aber Faust, wir wollen doch nicht unhöflich sein, sprechen Sie ruhig.«

»J-Ja Schatz ?«

Alex Faust war diese Sache höchst peinlich. Zu allem Überfluss hatte er, in der Hektik, auch noch auf Laut Hören gedrückt. Nun wurde er von zwanzig, teils schadenfroh, teils bedauernd blickenden Augenpaaren fixiert, die ihm für diese unvorhergesehene Unterbrechung unendlich dankbar waren. Auch Eduard Muschmeier nickte ihm aufmunternd zu, was wiederum nichts Gutes zu bedeuten schien.

»Ach Alex, Schatz!«, begann Gisela Faust, »was hältst Du davon, wenn ich für uns beiden eine Kreuzfahrt buche. Ich lese hier gerade in der Zeitung, dass die Hamburger Nautilus Reederei etwas ganz Tolles anbietet.« »Äh - ja?« 

Eduard Muschmeier fand Gefallen an der Situation. Der Blick, den er Alex zuwarf, ließ ahnen, dass er eine solche Reise seines Mitarbeiters in naher Zukunft für höchst unwahrscheinlich hielt.
Aufmunternd animierte er ihn, das Gespräch fortzusetzen.

»Wenn du meinst, mein Schatz, aber lass uns doch heute Abend noch mal darüber reden. So etwas sollten wir nicht übers Knie brechen.«

Eduard grinste über beide Backen.
 
»Oooch Alex, Bärchen, nun sei doch nicht so. Die veranstalten auf dem Schiff Wettspiele, bei denen man tolle Preise gewinnen kann. Das ziehen die groß auf, mit Sponsoren aus ganz Hamburg.
Morgen soll darüber ein Bericht im Radio kommen.«

»Gisela, lass uns das heute Abend besprechen, ich muss jetzt Schluss machen.«

»Was hast du es wieder eilig, ist der alte Porno-Ede im Anmarsch?« 

Alex presste den Daumen mit aller Kraft auf das Display und beendete so das peinliche Gespräch. Gleichzeitig flog sein Blick erschrocken zu Muschmeier. Der nahm ihn jedoch überhaupt nicht wahr. Eddy schien geistig nicht anwesend zu sein. Auch Alex Kollegen starrten angstvoll zu ihrem Chef hinüber. 
Alle erwarteten einen Ausbruch, bezüglich des Porno-Ede, wie er wegen seiner Rotlicht-Vergangenheit, hinter vorgehaltener Hand genannt wurde.
Langsam hellte sich der Blick des Senderchefs auf. Freudiges Grinsen überzog sein Gesicht. 
An die Sekretärin Marianne von Natterbach gewand, sagte er: «Natterchen, notieren Sie: Umgehend einen großen Präsentkorb an Frau Gisela Faust schicken, Absender Porno-Ede.« 

An seine Mitarbeiter gewandt fuhr er fort, »Erstens, ich will alles über diese Nautilus Reederei wissen. Den Chef laden wir für morgen in unsere Zentrale ein, und zwar mit allem Furz und Feuerstein. Ich will, dass hier ein paar Promis herumlungern. Wie ihr das macht, ist mir egal, aber der Kerl muss beeindruckt werden.«

Eduard streckte den zweiten Finger in die Luft.

»Zweitens, - macht euch schlau, was die Reederei für diese Reise genau plant und überlegt, wie wir das besser machen können. 
Leute, wir veranstalten eine Kreuzfahrt mit Wettspielen auf hoher See. So eine Art Dschungelcamp auf dem Meer. Ich hab auch schon den Titel der Sendung: Tiwiäitsch Twentyfour, im Auge des Orkans!
Das Ding wird der Hammer!«

Dann schaute er Alex Faust an und hielt den dritten Finger hoch.
  
»Und das geht jetzt vor allem dich an Alex, - ruf alle potentiellen Werbekunden an und präsentier ihnen das neue Format. Wir bepflastern das ganze Schiff mit Werbeflächen. Sponsoren können sich einkaufen, wir sind für alles offen! 
Macht euch bitte alle Gedanken über Wettspiele, die wir veranstalten könnten. Kontaktiert die üblichen, abgebrannten C-Promis als mögliche Kandidaten.«

Dann wanderte sein Blick zu Bernie Schnackelmann

»Bernie, wir brauchen einen spitzen Moderator, so einen richtigen Quotenbringer! Ich sage nur, think Big!
Tiwiäitsch Twentyfour, im Auge des Orkans!!!
Los jetzt ALLE !!! »

Nach langsamem Zögern übertrug sich sein Enthusiasmus endlich auch auf die Mitarbeiter: TIWIÄITSCH TWENTYFOUR, IM AUGE DES ORKANS!!!«, tönte es aus zwanzig Kehlen, dann strömten zwanzig Kreative, hochmotiviert aus dem Saal. 

 

 Nautilus Reederei 
 Hamburg

Holger Pfeifer ruhte in seinem bequemen, ledernen Chefsessel und dachte, wie schnell doch die Zeit verging. 
Vor neun Jahren verschwand sein damaliger Chef, Hans-Werner Klose, nach einer höchst dramatischen Kreuzfahrt, auf mysteriöse Weise in der Karibik. Ein befreundeter Autor hatte über die aberwitzige Reise sogar einen Roman geschrieben.
Im letzten Jahr, während einer nicht minder turbulenten Kreuzfahrt, heiratete er, seine Chefin Samantha. 
Hier, im Büro, wurde Holger von der hübschen Sekretärin Bernadette Möhrenschläger unterstützt. Die junge Dame war von Samantha persönlich ausgewählt und eingestellt worden. Bernadette sah phantastisch aus, war außerordentlich kompetent und fühlte sich sexuell eher zu Frauen hingezogen. So war Holger vor ihr sicher und die Reederei durfte sich über eine fähige Mitarbeiterin und ein repräsentables Aushängeschild freuen.  

»Herr Pfeifer, ich habe den Fernsehsender TVH 24 in der Leitung.«

»Um was geht es?«

»Sie möchten uns ein Geschäft vorschlagen.«

»Ein Geschäft?  - Stellen Sie durch. - - Holger Pfeifer am Apparat, womit kann ich Ihnen helfen?«

»Tiwiäitsch Twentyfour«, tönte es aus dem Hörer, »ich verbinde mit Generaldirektor Muschmeier.«

»Hallo Herr Pfeifer, Sie wundern sich sicher das wir Sie anrufen.«

»Nun ja Herr Muschmeier, was kann ich für Sie tun?«

»Falsche Frage Herr Pfeifer. Besser wäre es, zu fragen, was wir für Sie tun können. - Ich komme einfach mal direkt zur Sache. Wir möchten Ihnen ein Geschäft vorschlagen. Da ich so etwas ungern am Telefon bespreche, würde ich Sie, nebst Ihrer Gattin, dazu gerne morgen in unsere Sendezentrale einladen.« 

»Morgen sagen Sie? Lassen sie mich kurz meine Termine checken. - Sie haben Glück Herr Muschmeier, morgen ab 15:00 Uhr hätten wir Zeit, bei Ihnen vorbeizuschauen.«

»Wunderbar Herr Pfeifer, mein Fahrer wird sie um drei in der Reederei abholen, es ist uns eine Ehre.«  

»Jetzt machen Sie mich aber neugierig. Auf Wiederhören und bis Morgen, Herr Muschmeier.«

»Die machen es ja spannend«, sagte Holger an seine Sekretärin gewand. »Ich glaube, nun will auch das Fernsehn über unsere geplante Kreuzfahrt berichten. Es wird ja immer besser. Das wird den Verkauf ordentlich ankurbeln.«

»Ist doch toll Herr Pfeifer, jetzt geht es richtig rund!«

»Wie viele Sponsoren haben wir bis jetzt zusammen Bernadette?«

»Da hätten wir die Bäckerei Knuddelbeck, die spendieren einen Monat frische Brötchen. Das Reisebüro Goldwing mit einem Gutschein über einhundert Euro, die Tauchschule Tiefenrausch aus Blankenese bietet einen kostenlosen Anfängerkurs. Autohaus Simmelmeier stellt ein Cabrio für ein ganzes Wochenende zur Verfügung, das Möbelhaus Holzmann mit einem Einkaufsgutschein über 200 Euro auf alle, nicht reduzierten Möbel und noch einige andere schöne Preise. Es ist ja noch Zeit bis zur Abreise, da kommt sicher noch mehr zusammen.«     

 

 

 

 

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